Politik : Nahost-Krise: "Es kann ein Jahr dauern, bis die Gewalt unter Kontrolle ist"

Wer ist schuld an der jetzigen Situation in Nahost

Avi Shlaim ist israelischer Historiker und lehrt derzeit Internationale Beziehungen an der Universität Oxford.

Wer ist schuld an der jetzigen Situation in Nahost?

Israel ist schuld. Ehud Barak ist verantwortlich für den Kollaps des Osloer Friedensprozesses. Zwar bot er Arafat beim Camp-David-Gipfel im Juli ein Gesamtpaket an, das recht gut war und bedeutende Konzessionen zu Jerusalem enthielt. Das Problem war, dass er im Gegenzug forderte, Arafat müsse auf alle weiteren Forderungen gegenüber Israel verzichten. Dies sollte die endgültige Lösung sein. Doch Arafat konnte nicht formell das palästinensische Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge und auf die muslimischen Souveränitäts-Rechte über die islamischen Stätten in Jerusalem aufgeben.

Hat nicht Israel immer gefordert, mit dem Abschluss eines Friedensvertrages müssten die Palästinenser auf weitere Forderungen verzichten?

Nein, das widerspricht dem Geist des Osloer Abkommens. Dieses sieht eine schrittweise Annäherung und Einigung vor. Barak hat von Anfang an Oslo kritisiert, er wollte immer eine endgültige Beendigung des Konfliktes. Das ist völlig unrealistisch. Arafat ist ein pragmatischer Politiker, er hätte ein Paket akzeptiert, in dem ein unabhängiger Palästinenserstaat mit festen Grenzen in 90 Prozent der Westbank vorgesehen ist - wenn die Fragen Jerusalem und Rückkehrrecht weiter offen blieben.

Wie wird es weitergehen?

Beide Seiten sind in eine häßliche Dauerauseinandersetzung geschlittert, und es wird viele Monate oder ein Jahr dauern, um die Gewalt unter Kontrolle zu bringen und den Friedensprozess wiederaufzunehmen. Und dann wird man den Beillin-Abu-Mazen-Plan wiederaufnehmen, der einen entmilitarisierten palästinensischen Staat in mehr als 90 Prozent der Territorien vorsieht. Das ist die einzige Lösung.

Kann es zu einem regionalen Krieg kommen?

Die Gefahr besteht. Falls Israel in weitere palästinensische Gebiete eindringen sollte, könnte sich an der Grenze zu Libanon ein Kleinkrieg entwickeln, durch den Syrien in den Konflikt hineingezogen wird.

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