Nahost-Krise : Libanon ruft Bush um Hilfe an

Während Israel die massiven Bombardements im Libanon fortsetzt, hält der UN-Sicherheitsrat auf Antrag der libanesischen Regierung eine Dringlichkeitssitzung ab. US-Präsident George W. Bush mahnt Israel zur Zurückhaltung.

Beirut/New York - Angesichts der fortgesetzten israelischen Offensive gegen den Libanon ist der internationale Druck zur Beilegung des Konflikts mit diplomatischen Mitteln verstärkt worden. Wenige Stunden vor einer von Beirut für Freitag beantragten Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats mahnten die USA Israel zur Zurückhaltung. Die Bundesregierung äußerte ihre Sorge über die wachsende Eskalation und appellierte an die Konfliktparteien, aus der Spirale der Gewalt auszubrechen. Russland setzte die Lage im Libanon auf die Tagesordnung des am Samstag in St. Petersburg beginnenden G-8-Gipfels. Der EU-Außenbeaufragte Javier Solana reist am gleichen Tag in den Nahen Osten. Die israelische Armee setzte ihre massiven Angriffe im Libanon fort.

US-Präsident George W. Bush sagte dem libanesischen Regierungschef Fuad Siniora laut Angaben aus dessen Umgebung in einem Telefonat zu, mäßigend auf Israel einzuwirken. Siniora forderte Bush auf, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um einen Waffenstillstand zu erreichen.

Die Bundesregierung zeigte sich besorgt über die hohe Zahl der zivilen Opfer bei den jüngsten Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes wies zugleich darauf hin, dass es sowohl im Gazastreifen als auch an der Grenze zum Libanon "terroristische Angriffe" auf israelische Soldaten gegeben habe und Soldaten als Geiseln genommen worden seien. Daraus ergebe sich die "klare und unzweideutige Aufforderung" an die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas und die schiitische Hisbollah-Miliz, die Raketenangriffe auf Israel einzustellen und die drei Soldaten freizulassen.

Nach Angaben des Sprechers befinden sich im Libanon rund 1100 deutsche Staatsangehörige, davon etwa 500 mit einer doppelten Staatsbürgerschaft. Ihm sei nicht bekannt, dass es zu "größeren Ausreisebewegungen" gekommen sei. Nach dem Beschuss der libanesischen Hauptstadt Beirut durch die israelische Luftwaffe hatten zehntausende Ausländer das Land verlassen.

Solana reist zu Krisengesprächen in den Nahen Osten

Finnland kündigte im Namen der EU-Ratspräsidentschaft an, dass Solana am Samstag zu Krisengesprächen in den Nahen Osten aufbrechen werde, um die Vermittlungsbemühungen der Vereinten Nationen zu unterstützen. UN-Generalsekretär Kofi Annan hatte am Freitag bereits die Entsendung einer ranghohen Vermittlermission in den Nahen Osten angekündigt.

Die israelische Armee bombardierte erneut den internationalen Flughafen sowie Ziele im Süden der Hauptstadt Beirut, wo sich das Hauptquartier der schiitische Hisbollah-Miliz befindet. Dabei wurden nach Polizeiangaben mindestens drei Brücken beschossen und zum Teil zerstört. Der Angriff sei durch Luftabwehrgeschütze erwidert worden. Der israelische Verteidigungsminister Amir Perez kündigte die Vernichtung der Hisbollah-Miliz an.

An der Küste rund 25 Kilometer südlich von Beirut ging das Elektrizitätswerk Dschije in Flammen auf. Ein Sprecher der israelischen Armee bestätigte, dass die Luftwaffe die Treibstofflager am Flughafen ins Visier nahm. Beim vierten israelischen Luftangriff seit der Nacht zum Donnerstag wurde außerdem ein Hangar getroffen.

Erstmals flog die Luftwaffe auch Angriffe im libanesisch-syrischen Grenzgebiet. Ziel war unter anderem eine Stellung der prosyrischen Volksfront zur Befreiung Palästinas/Generalkommando (PFLP-GC) in der Bekaa-Ebene. Israelische Flugzeuge beschossen auch die Pass-Straße zwischen Beirut und Syriens Hauptstadt Damaskus. Der Autoverkehr kam zum Erliegen; zahlreiche libanesische und arabische Zivilisten konnten nicht mehr über die Grenze flüchten. Die iranische Führung kündigte für den Fall eines Angriffs auf Syrien eine "scharfe Antwort" an.

Die Zahl der im Libanon seit Beginn der israelischen Offensive am Mittwoch getöteten Zivilisten stieg nach Angaben der libanesischen Polizei auf mindestens 50. Allein am Freitag wurden den Angaben zufolge mindestens 50 Zivilisten verletzt, die meisten von ihnen beim Beschuss einer zum Flughafen von Beirut führenden Autobahn. (tso/AFP)

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