Politik : Nahost-Krise: Nach Lynchmorden explodiert die Gewalt

Nach dem Lynchmord an mindestens zwei israelischen Soldaten in Ramallah haben israelische Kampfhubschrauber die Autonomie-Stadt am Donnerstag mit Raketen beschossen. Dabei wurde die palästinensische Polizeistation zerstört, in der die Israelis von aufgebrachten Palästinensern brutal ermordet worden waren. In Gaza griffen israelische Helikopter nach Berichten von Augenzeugen eine Feuerwehrkaserne und einen Fischereihafen in der Nähe des Büros von Palästinenserpräsident Arafat an. Israel riegelte alle Autonomie-Städte und -gebiete ab.

Israels Ministerpräsident Ehud Barak sprach von einem "schwerwiegenden Zwischenfall". Israel wisse nun, "was es zu tun hat", sagte Barak nach Rundfunkangaben vor Beginn der Luftangriffe. In Gaza-Stadt rief die Palästinenserführung nach Angaben des US-Nachrichtensenders CNN den Notstand aus. Der palästinensische Planungsminister Nabil Schaath sagte: "Was wir sehen, ist ein totaler Krieg, den (Israels Ministerpräsident) Ehud Barak gegen das palästinensische Volk und sein Land begonnen hat."

Der ägyptische Außenminister Amre Mussa warnte Israel vor einer militärischen Lösung im Konflikt mit den Palästinensern. Sollte sich Israel in seiner weiteren Politik für die Militäroption entscheiden, sei dies ein "sehr großer Fehler", sagte Mussa in Scharm el Scheich. Gewalt und Gegengewalt könnten nur zu einer Eskalation der Spannungen in der gesamten Nahost-Region führen.

Nach israelischen Angaben waren am Morgen vier Reservisten der israelischen Armee in einem Zivilfahrzeug versehentlich in die Stadt nördlich von Jerusalem geraten. Auf palästinensischer Seite war hingegen von einem verdeckten Einsatz der Soldaten die Rede. Die Soldaten wurden nach Medienberichten von der palästinensischen Polizei festgenommen und in eine Polizeistation gebracht.

Nach palästinensischer Darstellung versuchte die Polizei zunächst, hunderte wütender Palästinenser zurückzudrängen, die sich rasch um das Gebäude versammelten. Dutzende Männer erstürmten jedoch anschließend die Station und töteten mindestens zwei der Israelis. Das Schicksal und der Verbleib der zwei anderen Soldaten war zunächst unklar. Israelische Medien berichteten, einer von ihnen sei schwer verletzt worden.

Israel wirft der palästinensischen Polizei vor, an dem Lynchmord beteiligt gewesen zu sein. Nach palästinensischen Angaben wurden 13 Polizisten bei dem Versuch verletzt, die Menge von der Tat abzuhalten.

Nach Augenzeugenberichten wurden die Leichen der Israelis aus dem Fenster geworfen und weiter von der Menge traktiert. ZDF-Reporter Stephan Merseburger berichtete, aufgebrachte Palästinenser hätten eine Leiche angezündet und brennend durch die Straßen gezerrt.

Barak traf sich mit israelischen Militärs zu dringenden Lageberatungen. Am späten Donnerstag wollte er erneut mit dem rechtsorientierten Oppositionsführer Ariel Scharon über die Einrichtung einer breiten "Regierung des nationalen Notstands" sprechen.

Der stellvertretende israelische Verteidigungsminister Ephraim Sneh sagte: "Dieser schreckliche Vorfall ist unerträglich und unverzeihlich." Die palästinensische Autonomiebehörde nannte den Vorfall in einer Stellungnahme "bedauernswert". Die Autonomiebehörde warf Israel jedoch vor, für die Eskalation der jüngsten Spannungen verantwortlich zu sein.

Bei den blutigen Unruhen in den Palästinenser-Gebieten waren in den vergangenen zwei Wochen knapp 100 Menschen getötet worden, die überwältigende Mehrheit davon Palästinenser. Am späten Mittwoch kamen erneut drei Palästinenser bei Schusswechseln mit israelischen Soldaten ums Leben.

Der blutige Zwischenfall in Ramallah überschattete vorherige Berichte, nach denen Israel auf Initiative von UN-Generalsekretär Kofi Annan einer Sicherheitskonferenz zugestimmt hatten. Der israelische Rundfunk hatte gemeldet, ranghohe Offiziere beider Seiten könnten sich möglicherweise noch am Donnerstag unter Vorsitz von George Tenet, Chef des US-Geheimdienstes CIA, treffen und sich um eine Beendigung der Gewalt bemühen.

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