Politik : Nahost-Krise: Von Einigkeit keine Spur

Andrea Nüsse

Einer hatte seinen großen Auftritt schon: Der libysche Präsident Muammar el Gaddafi hat das Gipfeltreffen der arabischen Staaten an diesem Wochenende in Kairo bereits als sinnlos verurteilt. Der immer zu ungewöhnlichen Aktionen bereite Revolutionsführer stellte sich vor wenigen Tagen im Fernsehsender al-Gazirah aus Qatar unzensierten Zuschauerfragen - ein in der arabischen Welt einmaliger Vorgang.

Mit theatralischer Geste zog Gaddafi, mit braunem Hemd und gleichfarbigem Turban bekleidet, vor laufenden Kameras ein Papier aus der Tasche und las daraus vor: Angeblich handelte es sich um den Entwurf des Abschlusskommuniqués des Gipfels, bei dem die 22 arabischen Staaten Position zum Ausbruch der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern und dem vorläufigen Ende des Friedensprozesses beziehen wollen. In dem Papier war von einem Einfrieren der Beziehungen zu Israel ebensowenig die Rede wie von einem Wirtschaftsboykott. Gaddafi sehe nicht, wie eine so zahnlose Resolution die Palästinenser unterstütze - und daher werde er erst gar nicht nach Kairo kommen.

Damit wäre der libysche Staatschef elegant dem Dilemma entgangen, dass er beim Gipfel eigentlich zu harschen Maßnahmen gegen Israel aufrufen müsste. Dies würde aber seinem Annäherungskurs an den Westen, den er mit seiner Vermittlung in der Geiselkrise von Jolo eingeschlagen hat, widersprechen.

Doch auch falls Gaddafi wirklich auf seinen Auftritt beim ersten arabischen Gipfel seit vier Jahren verzichten sollte, wird von einheitlichen Positionen keine Rede sein können. Das Treffen der arabischen Außenminister am Donnerstag und Freitag in Kairo machte die Zweiteilung des arabischen Lagers bereits deutlich: Während Libanon, Syrien und Irak einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen, die Jordanien und Ägypten zu Israel unterhalten, und einen Wirtschaftsboykott fordern, bemühen sich jene beiden Staaten um Mäßigung.

Fast einig ist man sich immerhin darin, dass ein Krieg gegen Israel keine Option ist. Auch der syrische Außenminister Farouk al Shara erklärte, dass man Frieden wolle und daher lediglich über eine politische Konfrontation spreche. Dies bestätigt die Vermutung, dass der junge syrische Präsident Bashar Assad alle Hände damit zu tun hat, seine Macht zu Hause zu konsolidieren und sich beim Gipfel nicht zu sehr exponieren will.

Bleibt Irak, das erstmals seit dem Golfkrieg wieder zu einem Treffen arabischer Staatschefs geladen ist. Saddam Hussein bleibt aber zu Hause, weil jede Reise für ihn aus Sicherheitsgründen zu gefährlich wäre. Zudem wäre der Diktator, der 1990 Kuwait besetzte, für die Vertreter der Golfstaaten unzumutbar.

So sind die arabischen Staaten wieder einmal weit von der viel beschworenen Einheit entfernt. Dies ist um so bemerkenswerter, als die Frage nach der Zukunft Jerusalems und seiner muslimischen Kultstätten, die in den Mittelpunkt der Kämpfe der vergangenen Wochen rückten, die arabische Welt eint wie kein anderes Thema. Und die muslimischen Bevölkerungen weltweit mobilisiert. Täglich gibt es in allen arabischen Ländern Demonstrationen gegen Israels Vorgehen und Solidaritätsveranstaltungen mit den Palästinensern, die auch von den autoritärsten Regimen geduldet werden, um eine Explosion des Volkszorns zu verhindern. Dieser Aufruhr richtet sich auch gegen die eigenen Regierungen, denen vorgeworfen wird, tatenlos zuzusehen, wie palästinensische Kinder erschossen werden.

Dies gilt insbesondere für Gipfel-Gastgeber Hosni Mubarak und den jordanischen König Abdallah, die engsten Verbündeten der Vereinigten Staaten in der Region, die die Resolution am Ende des Treffens auf Kritik an Israels Vorgehen, finanzielle Unterstützung für die Palästinenser und die Bestätigung von deren Anspruch auf Souveränität über Teile Ost-Jerusalems beschränken wollen. Für Mubarak, der am Wochenanfang beim Krisen-Treffen in Scharm el Scheich noch amerikanisches Lob einheimsen konnte, wird dies der schwierigere Gipfel.

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