Politik : Nahost: Kurz vor der Erschöpfung

Es ist nicht genug, "genug ist genug" zu sagen. Es reicht nicht, den besten Diplomaten der Welt zu entsenden. Und es nützt nichts, auf bessere Zeiten, andere Konstellationen oder klügere Politiker zu hoffen. In den vergangenen zwei Wochen wurden einer erfolgsverwöhnten US-Regierung die Grenzen ihrer Macht aufgezeigt. Präsident George W. Bush musste sich von zwei verfeindeten Dickköpfen, die zusammen knapp zehn Millionen Menschen regieren, öffentlich brüskieren lassen. Sein Appell an die verfeindeten Lager im Nahen Osten verhallte wie eine Sonntagspredigt. US-Außenminister Colin Powell pendelte von einem zum anderen, ohne am Ende auch nur einen Waffenstillstand ausgehandelt zu haben.

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Amerikas Wort wiegt seitdem leichter. Nicht auf Bitten, Forderungen oder gar Drohungen einzugehen, bleibt offenbar folgenlos. Warum sollten nun andere Adressaten markiger Bush-Sätze - die Länder der "Achse des Bösen" zum Beispiel: Irak, Iran und Nordkorea - nicht schlussfolgern, sie könnten dessen Rhetorik ebenfalls ignorieren? Bisher galt die Regel, Bush meint, was er sagt. Ihn nicht ernst zu nehmen, ist gefährlich. Im Nahen Osten wirkt diese Regel jetzt zum ersten Mal verletzt. Es sieht so aus, als komme Powell von seiner Mission mit fast leeren Händen zurück, was die Autorität von Bush lädiert. Und scheint er das nicht auch zu spüren? Seit seiner Grundsatzrede ist der mächtigste Mann der Welt auf Tauchstation gegangen.

Die Versuchung liegt nahe, von einem Misserfolg des US-Engagements zu sprechen. Doch das wäre falsch. Keinen Durchbruch erzielt zu haben, heißt nicht, gescheitert zu sein. Powells Reise, so viel steht fest, markiert den Anfang, nicht das Ende der amerikanischen Vermittlung. Die Bush-Administration hat definitiv begriffen, dass sie die Region nicht sich selbst überlassen darf, ohne eine noch größere Katastrophe zu riskieren. Diese Einsicht hat ihren Preis. In Amerika ist die Pro-Israel-Lobby stark. Gespräche mit Jassir Arafat lehnt sie ab, Druck auf Scharon wertet sie als unanständig. Zur Pro-Israel-Lobby zählen viele Republikaner, und kein Präsident verscherzt es sich gerne mit der eigenen Klientel. Bush und Powell gebührt Respekt für ihr Wagnis, den Wert einer gewissen Neutralität in Nahost inzwischen höher zu gewichten als den Zusammenhalt aller konservativen Kräfte daheim.

Ermutigend ist ebenfalls, dass Powell von den Konfliktparteien außerordentlich geschätzt wird. Arafat hat trotz der ununterbrochenen israelischen Militäroffensive mit ihm gesprochen, Scharon trotz der Aufwertung seines Erzfeindes in Ramallah. Schließlich gibt es Anzeichen dafür, dass mit Powell wieder ein Quäntchen Vernunft in die Köpfe der Starrsinnigen gedrungen ist. Wenn Scharon weiterhin glaubt, einen Terrorismus bekämpfen zu können, der seine Ursachen nicht zuletzt in dem Leiden eines ganzen Volkes hat, droht den Israelis dasselbe Schicksal wie den Franzosen in Algerien, den Briten in Nordirland und den Amerikanern in Vietnam. Wenn Arafat weiterhin glaubt, mit der Duldung von Selbstmordattentaten ein Druckmittel zu haben, wird er nur für Fanatiker als Märtyrer, nicht für die Welt als Staatsmann in die Geschichte eingehen.

Vor einigen Jahren schwärmten noch viele für einen "Frieden der Mutigen". Heute muss man zufrieden sein, wenn es in absehbarer Zeit einen "Waffenstillstand der Erschöpften" gibt. Gemessen an der Realität, sollte Powells Reise mit einem bescheidenen Maßstab bilanziert werden. Er hat den richtigen Weg eingeschlagen und den richtigen Ton gefunden. Dafür gibt es im Deutschen ein hübsches Wort: immerhin.

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