Nahost-Rundreise : Was ist vom Papstbesuch zu erwarten?

Wenn Benedikt XVI. in den Nahen Osten reist, muss er sich an seinen beiden Vorgängern messen lassen. Welche Erwartungen werden an den Papstbesuch im Heiligen Land gestellt?

Martin Gehlen[Kairo],Claudia Keller
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Es ist eine heikle Reise. Papst Benedikt XVI. bricht an diesem Freitag zu einem einwöchigen Besuch ins Heilige Land auf. Er ist nach Paul VI. (1963–1978) und seinem direkten Vorgänger Johannes Paul II. der dritte Papst der Moderne, der den Nahen Osten bereist. Erst 1994 haben der Heilige Stuhl und Israel diplomatische Beziehungen aufgenommen.

Was macht die Reise so heikel?

Die Reise ist deshalb ein Balanceakt, weil das katholisch-jüdische Verhältnis an einem „Tiefpunkt“ angelangt ist, wie der Rabbiner Walter Homolka sagt. Bei seinem Besuch in der Kölner Synagoge während des Weltjugendtages 2005 hatte der frisch gewählte Benedikt XVI. Pontifex zwar noch versichert, dass er beabsichtige, „den Weg der Verbesserung der Beziehungen und der Freundschaft mit dem jüdischen Volk, auf dem Papst Johannes Paul II. entscheidende Schritte getan hat, mit voller Kraft weiterzuführen“. Doch 2008 ließ er als Konzession an die traditionalistische Pius-Bruderschaft die alte, tridentinische Messe wieder zu, die das Zweite Vatikanische Konzil abgeschafft hatte. In der Karfreitagsbitte dieses Ritus heißt es über die Juden, Gott möge den „Schleier von ihren Herzen wegnehmen“. Zwar milderte Benedikt XVI. mit einer neuen, eigenhändig geschriebenen Version diese verletzenden Passagen ab und formulierte, Gott möge „ihre Herzen erleuchten, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen“. Doch auch dies wird von der jüdischen Gemeinschaft als Affront gewertet. Sie sehen alte antijudaische Vorurteile wieder aufkeimen und verstehen die Sätze als indirekten Aufruf zur Judenmissionierung. Der Papst lenkte nicht ein.

Ein weiterer Affront für die jüdische Gemeinschaft war die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der Pius- Bruderschaft, die der Papst am 21. Januar diesen Jahres vornahm. Einer der Pius-Bischöfe, Richard Williamson, ist ein notorischer Antisemit und Holocaust-Leugner. Nachdem dies weltweit Empörung ausgelöst hatte, erklärte Benedikt XVI. zwar, „dass jede Leugnung oder Verharmlosung dieses schrecklichen Verbrechens untolerierbar und völlig unannehmbar ist“. Doch erst zwei Wochen später und nach massiver internationaler Kritik forderte der Vatikan Williamson öffentlich auf, „sich auf unzweideutige und öffentliche Weise von seinen Stellungnahmen zur Schoah“ zu distanzieren. Dies ist bis heute nicht geschehen. In einem Schreiben an alle katholischen Bischöfe bedauerte der Papst „zutiefst“, dass der Vorgang „den Frieden zwischen Christen und Juden wie auch den Frieden in der Kirche für einen Augenblick gestört“ habe.

Wie soll sich der Papst nun verhalten?

Er muss die richtigen Worte finden, um die Gräben zuzuschütten. Doch die Gefahr besteht, dass er sie durch unbedachte Äußerungen, durch mangelndes politisches Gespür noch vertiefen wird, wie es in den vergangenen zwei Jahren immer wieder der Fall war. Der Augsburger Rabbiner Henry G. Brandt, der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, hat seine Erwartungen an die Reise des Papstes ins Heilige Land schon sehr heruntergeschraubt. „Ich hoffe nur, dass er nichts sagt, was die schwierige Situation noch schwieriger macht.“ Brandt wünscht sich ein „klares Bekenntnis“ des Papstes zum Zweiten Vatikanischen Konzil. „Aber das ist vermutlich schon zu viel gehofft.“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, betonte im Vorfeld der Papstreise dagegen, Benedikt XVI. werde die Erinnerung an den Holocaust und die Botschaft der Versöhnung in den Vordergrund stellen. „Wir sind dem Heiligen Vater dankbar, dass er in Jerusalem die Verbundenheit mit dem jüdischen Volk nachdrücklich zum Ausdruck bringen wird“, erklärte Zollitsch.

Womit beginnt die Reise?

An diesem Freitag wird der Papst zunächst in Amman erwartet, wo er bis Sonntag bleibt und zum Moses-Berg Nebo und zum Taufort von Jesus im Jordan pilgert, die Hussein-Bin-Talal-Moschee besucht und König Abdullah II. trifft. In Jordanien beginnt die heikle Mission. Denn auch die muslimische Welt hat der Papst gegen sich aufgebracht, als er vor zwei Jahren in Regensburg eine Rede hielt, in der er dem Islam einen inhärenten Hang zu Willkür und Gewaltbereitschaft unterstellte. Ursprünglich war eine christlich-muslimische Konferenz in Amman geplant mit einer programmatischen Ansprache des Papstes. Dieser Programmpunkt scheint auszufallen. Jetzt ist in den zweieinhalb Tagen in Amman nur der Samstagnachmittag für das Treffen mit Muslimen vorgesehen.

Am Montag fliegt Benedikt XVI. nach Tel Aviv weiter, wo er den israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres trifft und Jad Vaschem besucht. Johannes Paul II. war der erste Papst, der die Holocaust-Gedenkstätte aufsuchte.

Wird sich Benedikt XVI. an seinem

Vorgänger Johannes Paul II. orientieren?

Während Johannes Paul II. in Jad Vaschem mehrere Stunden verbrachte, mit Überlebenden und alten Schulfreunden sprach, ist für Benedikt nur eine Stunde vorgesehen. Johannes Paul II. hatte vor seiner Israelreise in einem feierlichen „Mea Culpa“ im Namen der katholischen Weltkirche das jüdische Volk um Verzeihung gebeten für „das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deiner Söhne und Töchter leiden ließen“. An der Klagemauer in Jerusalem bat er noch einmal um Vergebung für christliche Untaten. Er wusste, wie sehr es auf Worte und auf versöhnende Gesten im katholisch-jüdischen Verhältnis ankommt. Seinem Nachfolger fallen solche Gesten schwer. Er ist ein gelehrter Mann der Schrift, keiner der durch Zeichen zu wirken vermag.

Wie geht der Papst auf die Christen vor Ort ein?

Der Mittwoch und Donnerstag ist dem Besuch der heiligen Stätten in Bethlehem und Nazareth gewidmet sowie den palästinensischen Christen. In Bethlehem wird sich der Papst in einem Flüchtlingslager und in einem Kinderhospital umschauen und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas treffen. Nazareth ist die größte arabische Stadt in Israel. Von den 60 000 Einwohnern sind mehr als ein Drittel Christen. Hier steht auch eine Begegnung mit Israels neuem Premier, Benjamin Netanjahu, auf dem Programm. Offizieller Gastgeber ist der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal. Er erwartet sich von der Papstvisite Unterstützung der Weltkirche für seine entnervten Gläubigen, deren Alltag durch die israelischen Grenzanlagen sehr eingeschränkt ist.

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