Politik : Nahost: Türkei und Israel: Entfremdung der Freunde

Susanne Güsten

Die politische Lage im Nahen Osten ist bekanntlich so stabil wie ein Kartenhaus: Zieht man an einer Karte, dann gerät rasch das ganze Gebäude ins Wanken. Die Türkei etwa, die bisher Israels engster Partner in der Region war, rückt angesichts des israelischen Vorgehens bereits deutlich von ihrem Bündnispartner ab und will die Beziehungen sogar ganz neu bewerten, wenn Tel Aviv nicht bald einlenkt. Der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit sprach sogar von einem "Völkermord am palästinensischen Volk". Dabei steht die Regierung auch unter dem wachsenden Druck der Öffentlichkeit: Nach den Freitagsgebeten demonstrierten in Istanbul Hunderte gegen Israel.

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Die Türkei war bisher eines der wenigen Länder in der Region, das bisher sowohl zu Israel als auch zu den Palästinensern gute Beziehungen unterhielt. Die moslemische, aber säkulare Türkei und den jüdischen Staat Israel verbindet das gemeinsame Selbstverständnis als Vorposten des Westens in einer ungemütlichen Weltregion. Beide Staaten haben auch ein gespanntes Verhältnis zu Syrien, Irak und Iran - und ein enges Bündnis mit den USA. Die bilaterale Zusammenarbeit erstreckt sich auf viele Bereiche. Kern der Kooperation sind jedoch die militärischen Beziehungen: Seit 1996 gibt es ein Militärabkommen zwischen den beiden Staaten. Türkische und israelische Soldaten nahmen seitdem an gemeinsamen Manövern teil.

Angesichts der jüngsten Eskalation zwischen Israelis und Palästinensern treten strategische Erwägungen für die meisten Türken jedoch hinter die Solidarität mit ihren Glaubensbrüdern zurück. Ecevit hat den Palästinserpräsidenten Jassir Arafat in seinem belagerten Hauptquartier angerufen, um ihn der türkischen Solidarität zu versichern. "Arafat ist der Präsident eines von der Türkei anerkannten Staates", erklärte Außenminister Ismail Cem. "Das israelische Vorgehen gegen ihn können wir nicht akzeptieren; wir verurteilen es auf das schärfste."

Und dabei dürfte es nicht bleiben, denn der Druck der Öffentlichkeit und der Opposition auf die türkische Regierung wächst. Als "Schlächterei" und "Massaker" verurteilt die türkische Presse die israelischen Aktionen; ein führender Oppositionspolitiker verglich den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon öffentlich mit Hitler. Beim palästinensischen Botschafter in Ankara geben sich Vertreter von türkischen Gewerkschaften, Menschenrechtsverbänden und Handelskammern die Klinke in die Hand, um Solidarität zu bekunden und Distanz zu Israel zuzusichern. Vor der israelischen Botschaft legen Demonstranten schwarze Kränze ab. Die islamistische Opposition hat bereits die Regierung aufgefordert, die Beziehungen zu Israel einzufrieren.

Die Verhandlungen über Trinkwasserlieferungen an Israel hat Ankara schon auf Eis gelegt, wie Zeitungen unter Berufung auf Regierungskreise meldeten. Mit einem Machtwort musste der Generalstab durchsetzen, dass der fertige Vertrag zur Modernisierung türkischer Panzer durch das staatliche israelische Rüstungsunternehmen auch unterzeichnet wurde; im türkischen Kabinett ist seither ein heftiger Streit darüber entbrannt, ob der Vertrag annulliert werden soll. Vor dem Parlament sagte Ecevit, dies sei zwar nicht möglich, dafür könne die Türkei aber ihre gesamten Beziehungen zu Israel "einer Neubewertung unterziehen".

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