Nahost : Wer sind die Israelis?

Sie streiten gern, sind sich aber im Krieg einig. Ihr Demokratieverständnis ist kein westliches. Religion und Sicherheit spielen zentrale Rollen. Aber das Land hat auch wirtschaftliche Probleme.

 Charles A. Landsmann

WIE HOMOGEN IST DIE GRUPPE DER ISRAELIS?



„Wenn sich zehn Israelis treffen, dann haben sie elf Meinungen“ sagte ein ehemaliger Knessetvorsitzender vor einigen Jahren. Heute fragt man sich: „Wann geht endlich dieser Krieg zu Ende – damit man sich wieder streiten kann?“ Man diskutiert gerne in Israel. Doch in den existenziellen Grundsatzfragen und vor allem in Kriegszeiten herrscht nationaler Konsens. Über 90 Prozent begrüßten die Luftangriffe gegen die islamistische Hamas im Gazastreifen. Und auch heute noch, nachdem bei der Bodenoffensive bereits mehr als 1000 Palästinenser gestorben sind, bewerten 78 Prozent den Krieg als Erfolg.

Die Israelis sind glühende Patrioten – im Ausland. Kaum sind sie auf dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv gelandet, setzt Kritik an ihrem Land und seinen Institutionen, der Bürokratie und den Politikern ein. Einerseits also die Politikverdrossenheit, andererseits der Stolz auf das, was die Älteren – und man selbst – geleistet haben, aber auch auf die Jugend, „die beste der Welt“, wie man in Israel sagt.

Die israelische Gesellschaft ist zusammengewürfelt. 80 Prozent Juden und 20 Prozent Araber, westliche Juden (Aschkenasen) als Mehrheit und orientalische Juden (Sefarden) als Minorität, sowie Russen und Äthiopier. Israel ist ein Einwandererstaat. Allerdings nur für Juden, beziehungsweise für Personen, die von Juden abstammen. Das früher umstrittene und heute fast allseits akzeptierte Rückkehrgesetz gibt vor: Wer zumindest einen jüdischen Großelternteil nachweisen kann, ist willkommen. Und auch seine nichtjüdischen Verwandten ersten Grades. In der offiziellen Statistik erscheinen diese unter der Überschrift „Juden“ und dem Untertitel „Andere“. Man missbraucht sie in der demografischen Statistik, um nachzuweisen, dass nicht die Araber im ehemaligen Mandatsgebiet Palästina die Mehrheit bilden.

Die in Israel lebenden Palästinenser, „israelische Araber“ genannt, die sich selbst heute meist als „Palästinenser mit israelischem Pass“ ansehen, stehen dem jüdischen Staat kritisch gegenüber. Aber die meisten würden sich für die israelische Staatsbürgerschaft entscheiden und nicht im arabischen Palästina leben wollen.


WIE WICHTIG IST DIE RELIGION?

Die Stagnation der ultrareligiösen Parteien und der Niedergang der Nationalreligiösen, der auch in den kommenden Wahlen im Februar sichtbar werden wird, täuschen: Nach wie vor beeinflusst die jüdische Religion das öffentliche Leben in – im Vergleich zu westlichen Staaten – übergroßem Maß. Jeder Versuch, Staat und Religion zu trennen, scheitert schon im Ansatz. Die Orthodoxie ist praktisch Staatsreligion, Abweichungen in die fundamentalistische Richtung, also die Ultraorthodoxen, werden geduldet und gar gefördert; solche reformatorischer, liberaler oder gar säkularer Natur werden dagegen von offiziellen Stellen aufs Äußerste bekämpft. Wer sich nicht zu einer ultraorthodoxen, konservativen oder liberalen Gemeinde bekennt, wird in der Statistik als Orthodoxer aufgeführt – auch alle Säkularen und Atheisten.

Heiraten kann nur, wer der gleichen Religion angehört – Juden allerdings ausschließlich beim orthodoxen Rabbiner, dem Schriftgelehrten. Mischehen können nur im Ausland geschlossen werden, wohin auch immer mehr säkulare jüdische Paare zur Eheschließung vor dem Rabbinat fliehen. Denn die Rabbiner versuchen, mit Hilfe gleichgesinnter Politiker, ihren Einfluss ständig auszudehnen. Nicht zuletzt in den persönlichen Bereichen. So verlangen sie – im Widerspruch zu den Gesetzen – zum Beispiel, dass sich Eltern von im Ausland adoptierten Kindern zu einem streng religiösen Lebenswandel verpflichten, bevor sie die Säuglinge ins jüdische Volk aufnehmen.


WELCHE POLITISCHE KULTUR HERRSCHT IN ISRAEL?

Israel verkauft sich, namentlich in den USA, als einzige Demokratie im Nahen Osten, was zumindest bis vor anderthalb Jahren nicht stimmte. Ausgerechnet die Palästinenser demonstrierten zweimal beispielhaft, was eine echte Demokratie ist. Freie Wahlen selbst unter israelischer Besatzung – wenn auch beim zweiten Mal mit dem unerwünschten Sieg der Hamas-Islamisten.

Jedes Mal bei der Regierungsbildung und meistens auch bei den Beratungen über das Staatsbudget werden die unverhältnismäßigen Zuwendungen an die religiösen Parteien als „Preis, den man für die Demokratie zahlen muss“, deklariert. In Wirklichkeit haben diese Unsummen nichts mit Demokratie, viel aber mit Machterhalt und mit Korruption zu tun.

Die Israelis wählen zwar tatsächlich frei ihr Parlament. Doch damit hat es sich auch. Nicht der Wähler, sondern außerparlamentarische und keineswegs demokratisch legitimierte Gremien und Einzelpersonen entscheiden letztlich, wer die Regierung bildet, aber auch, wer zum Beispiel Staatspräsident wird, und vielfach auch, welche Gesetze verabschiedet werden. Bei den ultrareligiösen Parteien haben willkürlich zusammengestellte Rabbiner-Räte absolute Weisungsbefugnis gegenüber den Parlamentariern.

Allzu viel Israelis haben ein Demokratieverständnis, das demjenigen im Westen widerspricht. Dies gilt insbesondere für viele Sefarden, die allesamt aus autokratischen Staaten stammen. So stieg vor einigen Jahren die Schwester eines wegen Korruption verurteilten sefardischen Ministers im Gerichtssaal auf die Zuschauerbänke und schrie: „Was wollt ihr von ihm. Er ist Minister und darf machen, was er will. Wenn es euch nicht passt, dann könnt ihr ihn ja beim nächsten Mal abwählen.“ Tatsächlich muss man angesichts der unzähligen Korruptionsskandale den Eindruck haben, dass viele Politiker glaubten, sie stünden über dem Gesetz.

Die religiös inspirierte äußerste Rechte scheut auch nicht vor Gewalt zurück: Der Ermordung von Ministerpräsident Jitzchak Rabin 1995 ging während des ersten Libanonkrieges der Mord am Friedensaktivisten Emil Greenzweig voraus.


WELCHE KONFLIKTE GIBT ES IM INNEREN?

Der Krieg um Gaza hat die Hoffnung platzen lassen, dass erstmals bei den Knessetwahlen im Februar die Innenpolitik entscheidet und nicht die ewige Sicherheitsfrage. Wieder wählt der Israeli diejenige Partei, von der er sich am meisten persönliche und nationale Sicherheit verspricht. Und dies, obwohl die weltweite Wirtschaftskrise auch Israels Ökonomie erschüttert und auf das Leben des Einzelnen erheblichen negativen Einfluss hat.

Israels bedeutsamster innerer Konflikt ist natürlich der zwischen der jüdischen Mehrheit und der arabischen Minderheit. Gefolgt von dem zwischen den Ultraorthodoxen und allen anderen jüdischen Gesellschaftsschichten, der gerade jetzt in den Kriegstagen hervorgehoben ist: Während säkulare bis nationalreligiöse Soldaten ihr Leben für den Staat riskieren, belassen es die gleichaltrigen Ultras höchstens beim Gebet. Denn erstens lassen sie sich vom Wehrdienst befreien, und zweitens haben die meisten von ihnen ein bestenfalls ambivalentes, vielfach gar gebrochenes Verhältnis zum „zionistischen Staat“ – der sie aber finanziell aushält.

Praktisch alle anderen inneren Konflikte sind wirtschaftlicher und sozialer Natur. Nirgends im Westen steht die Einkommensschere zwischen Reichen und Armen so weit offen wie in dem Staat, dessen Gründer ein sozialistisches Paradies der Werktätigen anstrebten. Nach wie vor fühlen sich die Sefarden gegenüber den Aschkenasen benachteiligt.

Schwierigkeiten gibt es auch im Bildungswesen, wo die frühere Likud-Erziehungsministerin die Pisa-Prüfungen manipulierte, um vom eigenen Versagen abzulenken, diese Tests aber trotzdem schlechte Ergebnisse erbrachten. Bis zum Kriegsbeginn erklärte fast jede Partei die Erziehung zu ihrem zentralen Bestreben.

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