Nahost : Zuckerbrot und Peitsche aus den USA

Die USA liefern Waffen an Saudi-Arabien und werfen dem Land gleichzeitig vor, die Stabilität des Irak zu untergraben. Experten warnen vor fatalen Folgen für die Region.

Martin Gehlen

Berlin - Bislang war das offizielle Feindbild eindeutig – Syrien und Iran. Immer wenn die amerikanische Regierung Nachbarn des Irak vorwarf, sie würden die Aufständischen unterstützen, das Land destabilisieren und die Gewalt schüren, fielen die Namen dieser beiden Staaten. Die Wirklichkeit jedoch sieht anders aus: Nach Erkenntnissen des US-Militärs kommen rund 60 Prozent aller in Irak aufgegriffenen internationalen Dschihadisten aus dem dritten Nachbarland, dem seit über 50 Jahren mit den USA verbündeten Saudi-Arabien. Ähnlich sind die Ziffern bei den ermittelten Selbstmordattentätern. 45 Prozent stammen aus Saudi-Arabien, 15 Prozent aus Syrien und Libanon, etwa zehn Prozent aus den nordafrikanischen Maghrebstaaten – und zehn Prozent sind Iraker.

Das weiß keiner besser als der frühere US-Botschafter in Bagdad, Zalmay Khalilzad, der seit April die amerikanische Mission bei den Vereinten Nationen leitet. Erstmals öffentlich warf er jetzt Saudi-Arabien und anderen Verbündeten der USA im Nahen Osten vor, die US-Strategie zur Stabilisierung des Irak zu untergraben. „Saudi-Arabien und eine Reihe anderer Länder tun nicht alles, was sie können, um uns im Irak zu helfen“, sagte Khalilzad dem US-Fernsehsender CNN. Unter anderem kritisierte er, dass einige der Nachbarländer des Irak keine Kontakte zur Regierung in Bagdad oder der schiitischen Mehrheit unterhielten und keine diplomatische Vertretung im Land hätten. Im Vergleich zu dem, was für die ganze Region auf dem Spiel stehe, seien die Bemühungen dieser Länder minimal, erklärte Khalilzad.

So spektakulär diese Kritik auf den ersten Blick ist, nach Meinung von Henner Fürtig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Giga-Institut für Nahoststudien, sollte man sie nicht zu hoch hängen. „Es gibt einerseits eine enorme Verärgerung bei den USA, andererseits zeigt das geplante Waffengeschäft, dass die Amerikaner auf diesen Verbündeten in der Region mittelfristig überhaupt nicht verzichten können.“ US-Zeitungen hatten am Wochenende berichtet, Washington plane umfangreiche Waffengeschäfte mit Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten, um prowestlichen Staaten in der Nachbarschaft des Iran den Rücken zu stärken. Die Geschäfte sollen einen Umfang von 20 Milliarden Dollar haben.

Nach den Worten Fürtigs hat das amerikanisch-saudische Verhältnis seit dem 11. September 2001 einen Knacks erhalten, weil 15 der 19 Luftpiraten Saudis waren. Seitdem gebe es Misstrauen zwischen beiden Partnern. Die Saudis hätten jedoch auf Druck der USA einiges gegen religiöse Extremisten unternommen, zum Beispiel die religiösen Stiftungen eingeschränkt. „Aber aus amerikanischer Sicht sind sie immer noch nicht rigide genug, was die Grenzkontrollen zu Irak angeht.“

Amerikanische Sicherheitsexperten räumen zwar ein, dass es sehr schwer ist, die lange Grenze zwischen beiden Ländern effektiv zu kontrollieren. Sie vermuten aber auch, dass Saudi-Arabien Dschihadisten deshalb ungehindert in den Irak ziehen lässt, damit sie ihrem blutigen Geschäft nicht zu Hause nachgehen. Die USA schätzen, dass Al Qaida und seine Verbündeten im Irak zwischen 5000 und 10 000 Kämpfer befehligen.

Fürtig weist zudem darauf hin, dass Saudi-Arabien kein zentral regierter Staat ist, sondern eine Stammesgesellschaft. Allein zur herrschenden Familie zählen etwa 25 000 Personen, „und alle sind schwer reich. Wenn da eine bestimmte Fraktion plötzlich beschließt, dass es für ihr Seelenheil besser ist, die Aufständischen zu unterstützen, werden sie das tun – egal, was er König sagt oder denkt.“

Das sehen Vertreter der irakischen Regierung anders. Der schiitische Abgeordnete Sami al Askari, Berater von Ministerpräsident Nuri al Maliki argumentiert: „Es ist Tatsache, dass Saudi-Arabien einen sehr starken Geheimdienst hat, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die nicht wissen, was vorgeht.“ Nach Einschätzung von al Askari „rufen saudische Prediger ungehindert zum Dschihad gegen irakische Schiiten auf und finanzieren Gruppen, die im Süden Unruhe stiften“.

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