Politik : Naiv wie wir Amerikaner (Gastkommentar The New Republican)

Jacob Heilbrunn

Nun hat auch Deutschland seinen Richard Nixon. Wie Nixon war Helmut Kohl ein großer Außenpolitiker, und wie bei Nixon wird sein Ruf durch einen innenpolitischen Skandal beschädigt.

Es gibt jedoch noch eine andere Parallele: die zu Bill Clinton. Erst haben sich die Europäer gewundert über die Naivität der Amerikaner, die ihren Präsidenten wegen der Lewinsky-Affäre demontiert haben. So ähnlich kann man heute die deutschen Anstrengungen betrachten, Helmut Kohl fertig zu machen. Herzlichen Glückwunsch also: Die Deutschen haben sich noch weiter amerikanisiert.

Davor sollte man allerdings eher warnen. Watergate löste eine Skandaljagd-Spirale aus. Zum traurigen Tiefpunkt wurde der Umgang mit Clintons Affäre mit Monica Lewinsky. Wenn die Öffentlichkeit anfängt, nach Skandalen zu forschen, findet sie meistens keinen vernünftigen Endpunkt. Das ist wenigstens unsere amerikanische Erfahrung. Wenn man liest, dass Kohl Gefahr läuft, in Beugehaft genommen zu werden, kann man nur staunen über die unangemessene Aggresivität der Strafverfolger.

Wir in Amerika können ein Lied davon singen: Anfangs werden ganz legitim sogenannte Skandale untersucht, dann gerät die Staatsanwaltschaft außer Kontrolle. Sicherlich, Kohl macht die Aufklärung nicht gerade leicht. Müsste er nicht klipp und klar zu der Sache stehen? Nach der Vorgeschichte der Flick-Affäre darf man sich schon wundern, dass Kohl so bedenkenlos gegen die verschärften Gesetze verstieß. Wenigstens erhebt niemand den Vorwurf, Kohl sei persönlich korrupt. Doch alarmierend genug: Mittlerweile betreiben auch Mitglieder seiner eigenen Partei die Hexenjagd gegen Kohl.

Wir Amerikaner werden Kohls Rolle in der Geschichte nicht vergessen: seine vernünftige Politik gegenüber der Sowjetunion in den 80er Jahren, seinen Einsatz für die europäische Vereinigung, die friedliche Vereinigung Deutschlands. Im Ausland kümmern die Vorwürfe gegen Kohl niemanden. Und das ist nicht ganz falsch. Hat die SPD, historisch gesehen, nicht eine viel schlimmere Sünde begangen, als sie den Glauben an die Wiedervereinigung aufgab?

Womöglich darf man sogar eine gewisse Sympathie für Kohls Verhalten aufbringen: ein Mann, der unter Druck einige falsche Entscheidungen getroffen hat. Helmut Kohl war nie so klug wie er nach der Wiedervereinigung dargestellt wurde. Aber er ist auch nicht so verbrecherisch wie er jetzt portraitiert wird. Die Hysterie um Kohl wird schneller abebben als die Jagd gegen Nixon, der ja wirklich schwerkriminelle Ziele verfolgte. Kohl ist kein Nixon. Er ist ein Staatsman, dessen Größe immer noch schwerer wiegt als seine Schwächen. Wenn die Deutschen nicht in der Lage sein sollten, das zu erkennen, müsste man sich um Deutschlands politische Zukunft sorgen. Es ist weit schwieriger, den guten Ruf eines Politikers aufzubauen, als ihn zu ruinieren. Deutschland sollte sich vor einer weiteren Amerikanisierung seiner Politik hüten, sollte sich ein Beispiel nehmen an jenen Amerikanern, die während des Clinton-Pseudoskandals europäisch-gelassen reagiert haben.Der Autor berichtet für die amerikanische Zeitschrift "The New Republic" aus Deutschland.

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