Politik : Nanobiotechnologie: Rein in die Zelle

Thomas de Padova

Die Zelle ist eine winzige Fabrik. Moleküle laufen darin über Schienen und transportieren Lasten von einem Ort zum anderen. Forscher beobachten die Moleküle bei ihrer Wanderschaft. Sie heften leuchtende Kügelchen an die nur wenige hunderttausendstel Millimeter kleinen Moleküle und verfolgen, wie die Mini-Motoren zusammenarbeiten, um unsere Muskeln zu bewegen. Das können wir sehen.

Aber die Fabrik ließe sich neu organisieren. Dann würde die Zelle das machen, was die wissenschaftliche Konzernführung wünscht: zum Beispiel Moleküle herzustellen, die als Medikamente an verschiedene Orte im Körper transportiert werden können, um Tumore oder andere Erkrankungen zu bekämpfen.

Das Bundesforschungsministerium beflügelt solche Visionen mit einem neuen Förderprogramm zur "Nanobiotechnologie". 40 Millionen Mark stellt das Ministerium zunächst für die Forschung an Universitäten, Unternehmen und weiteren Instituten zur Verfügung. Die Region Berlin-Brandenburg ist zunächst mit vier der insgesamt 21 Projekte vertreten. In den nächsten sechs Jahren soll der Etat auf 100 Millionen Mark aufgestockt werden, um Biotechnologie und die physikalische Erforschung kleinster Strukturen, die Nanoforschung, zusammenzubringen.

Eine Ehe, die viele Grenzen überschreitet. Nervenzellen des Gehirns vertragen sich bislang nicht gut mit elektronischen Siliziumchips. Neuroprothesen bleiben einstweilen ein Hirngespinst. Und schon ein relativ kleines biologisches Molekül besteht aus vielen 100 Atomen. Sie reihen sich in Ketten aneinander und verwursteln sich zu einem für physikalische Messgeräte recht unübersichtlichen Knäuel. "Nanobiotechnologie - das war vor zehn Jahren sicherlich noch Science-Fiction", sagte Wolf-Michael Catenhusen, Staatssekretär im Forschungsministerium, am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung des Programms. Doch die Dynamik auf diesem Gebiet sei unverkennbar, die USA seien Deutschland "nur wenige Jahre voraus".

Catenhusen erwartet vor allem neue Erkenntnisse zur Therapie und Diagnostik von Zellerkrankungen oder zu intelligenten Biosensoren, um die Bildung von Antikörpern im Blut nachweisen zu können. "Die Technologie wird auch unsere Gesellschaft bewegen", sagte Catenhusen. "Wir sind gut beraten, künftig Forschungsförderung auf diesen Gebieten mit Vorhaben zur möglichst frühzeitigen Abschätzung ethischer, rechtlicher und sozialer Implikationen zu verbinden."

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