Politik : Nationalsozialismus: Todbringende Weltanschauung

Alexander Marek

An dickleibigen Büchern zum Nationalsozialismus fehlt es nicht. Zeitgeschichtlich interessierte Laien, Schüler und Studenten dürften aber eher die Finger von solchen Werken lassen. Wolfgang Benz wendet sich genau an diese Zielgruppe: An die Leser, die "knapp, aber zuverlässig informiert sein, die Erkenntnisse für das eigene Urteil nutzen, aber den Aufwand der Gelehrsamkeit nicht im einzelnen nachvollziehen wollen", wie der Professor für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin in seinem Vorwort schreibt. Nun mag die Stoffhuberei mancher seiner Historiker-Kollegen seine Befürchtung ausgelöst haben, seine 340-Seiten-Geschichte des Dritten Reiches könne der komplexen Materie nicht ausreichend gerecht werden. Es sei ein "Wagnis" gewesen, sie in "so komprimierter Form" darzustellen. Das Wagnis hat sich gelohnt.

In fünfzehn Einzelkapiteln erfährt der Leser sehr viel über das Dritte Reich. Er lernt die Anfänge der NS-Bewegung kennen, die als eine von vielen völkischen Gruppen sich die Zerstörung der Weimarer Republik auf die Fahnen geschrieben hatte. Die Nazis machten die Juden zum Synonym für "alles nationale, soziale und wirtschaftliche Unglück, das die Deutschen seit dem verlorenen Ersten Weltkrieg erlitten hatten". Antisemitismus ist denn auch für Benz der Kernbestandteil des politischen Programms der Nazis. Gleichwohl ordnet er den deutschen Antisemitismus in die Kontinuität der antimodernistischen, kleinbürgerlichen Judenfeindschaft ein, wie sie sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern manifestierte. Die von Goldhagen formulierte These vom besonderen "eliminatorischen Antisemitismus" der Deutschen teilt der Autor nicht.

Keine Solidarität mit den Opfern

Freilich will auch der Berliner Antisemitismusforscher nicht verhehlen, dass die jüdische Minderheit mit dem Erstarken des Systems kaum mehr auf die Solidarität ihrer "arischen" Mitbürger rechnen konnte. Es wird in der Forschung bis heute darüber debattiert, ob der Völkermord an den Juden einer originären Intention des Regimes entsprungen sei oder ob er vielmehr einer Radikalisierung der NS-Politik seit dem Überfall auf die Sowjetunion geschuldet war. Benz sieht auf beiden Seiten plausible Argumente, will in seinem auf Überblickswissen abzielendem Buch aber nicht detailliert auf die Kontroversen eingehen. Gleichwohl wird man den Autor eher dem Lager der Intentionalisten zuordnen können. Die Dynamik, die zur Vernichtung der Juden führte, entsprang seiner Darstellung zufolge direkt der nationalsozialistischen Weltanschauung.

Die SS - Staat im Staat

Benz zeichnet das Bild eines Diktators, der im Zentrum der Politik stand, die zum Holocaust führte. Andererseits funktionierte die "Anarchie" im polykratischen Herrschaftsgefüge des NS-Regimes, so dass es keiner förmlichen Weisung Hitlers zur "Endlösung" bedurfte. Es war die SS, für Benz ein "Staat im Staate", die den Holocaust aus eigener Initiative und eigenständig umsetzte, radikalisierte und sich dabei des Einvernehmens mit Hitlers sicher sein konnte.

Es ist anerkennenswert, wenn ein Historiker den Mut zur Lücke besitzt, und die Liebe zum Detail an vielen Stellen zugunsten der Allgemeinverständlichkeit opfert. Wolfgang Benz lässt so ein größeres Publikum an den Ergebnissen einer nüchternen und doch engagierten Geschichtswissenschaft teilhaben. Eine große Leserschaft wäre seinem Buch zu wünschen.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar