Politik : Nationalstolz: Ein Blick ins Ausland: Hindi, Hindu, Hindustan

Gabriele Venzky

Die Reisekoffer waren noch nicht gepackt, da überkam meine indische Freundin eine seltsame Unruhe. Immer wieder wollte sie wissen, wie viele Tage genau ich unterwegs sein würde. Dann begannen hektische Aktivitäten in der Küche: Es wurde gekocht und gebrutzelt, gehackt und aufeinandergeschichtet. Was ging da vor? "Ich bereite Essen für die nächsten zwei Wochen vor", sagte Edilda fürsorglich, "denn da draußen lassen sie dich nicht überleben."

Zum Thema: Hintergrund: Die Rau-Äußerung
TED: Kann man auf die Zugehörigkeit zu einer Nation stolz sein? Da draußen - das war Indien, und drinnen, das war Goa, ein Staat der indischen Union. In der definiert man Zugehörigkeit und nationales Selbstverständnis allenfalls an "Bharat Mata", diesem verschwommenen Begriff von "Mutter Indien", mit dem eigentlich niemand so recht etwas anfangen kann. Viel eher identifiziert man sich mit dem, was nahe liegt: mit der Familie, dem Heimatort, der eigenen Sprache, Kaste und Religion, und vielleicht noch mit dem Unionsstaat, aus dem man stammt. Alle Versuche, so etwas wie nationalistisches Feuer für das Abstraktum Indien zu entfachen, sind gescheitert. Was wenig verwunderlich ist.

Ein Staat, in dem 65 Sprachen gesprochen und zum Teil mit völlig unterschiedlichen Schriften geschrieben werden, wo mehr als ein Dutzend verschiedener Völker und Rassen zusammenleben und diverse Religionen mehr oder weniger tolerant Koexistenz betreiben, wo tiefstes Mittelalter neben modernster Neuzeit existiert, hat andere Prioritäten.

Das soll jedoch nicht heißen, das es nicht hin und wieder auch merkwürdige Ausbrüche von Nationalstolz in Indien gäbe, dann etwa, wenn man ein wichtiges Cricketmatch gewonnen hat (am besten gegen Pakistan), oder damals, vor knapp drei Jahren, als die Menschen nach dem unseligen Atomtest vor Freude auf den Straßen tanzten. Das Gleiche geschah übrigens im Nachbarland, als sich Pakistan daraufhin schleunigst ebenfalls als Atommacht zu erkennen gab. Aber der patriotische Stolz war nur von kurzer Dauer. Nicht alle freilich werten ein abgeklärtes Verhältnis zum Thema Nationalismus als positiv. Vor allem nicht die, die Indien jetzt regieren. Die "Indische Volkspartei" BJP ist eine der vielen Frontorganisationen des rechtsextremen so genannten "Freiwilligenkorps", der RSS. Mit dem Slogan: "Sei stolz, dass du ein Hindu bist", wird an einem neuen Konzept von einer "Hindu-Nation" gearbeitet, der kommenden Supermacht Hindustan, deren Fundamente ein vehementer Hindu-Nationalismus und der falsche Stolz auf eine glorifizierte Vergangenheit sind. Dass andere in diesem Konzept nicht geduldet werden, in diesem Fall vor allem Christen und Muslims, hat sich schon gezeigt. "Hindi, Hindu, Hindustan - eine Nation, ein Volk, eine Kultur". Die RSS, die sich rühmt, dass es einer der ihren war, der Mahatma Gandhi ermordet hat, ist eifrig dabei, mit Hilfe ihrer Organisationsmaschinerie Nationalstolz zu verbreiten. Unter Indern? Nein. Unter denen, die "die Überlegenen" sind, unter den Hindus.

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