Politik : Nationalstolz: Ein Blick ins Ausland: USA: Ein anderes Wort für Freiheit

Malte Lehming

Alle waren Grün. Grünes T-Shirt, grüne Hose, grüner Hut. Wer vergessen hatte, sich umzuziehen, bekam eine grüne Kette geschenkt. Wie in jedem Jahr zogen am vergangenen Samstag, dem irischen Nationalfeiertag, Zehntausende Amerikaner durch New York und Washington. Irische Tanzvereine und Landsmannschaften paradierten durch die Straßen. In Washington war einer der Höhepunkte die rasante Step-Show zu irischer Volksmusik - dargeboten von fünfzig schwarzen, ebenfalls grün uniformierten Trachten-Mädchen.

Zum Thema TED: Kann man auf die Zugehörigkeit zu einer Nation stolz sein? Das Grundgefühl der Veranstaltung war Freude, gepaart mit Stolz. Fast jeder Amerikaner ist stolz darauf, Amerikaner zu sein. In diesem Fall waren viele allerdings auch stolz darauf, dass sie oder ihre Familien irgendwann aus Irland eingewandert waren. Fast jeder Amerikaner ist irgendwann eingewandert. Der Stolz auf das Heimatland schließt den Stolz auf das Herkunftsland nicht aus. In den Vereinigten Staaten bedingt sich beides sogar ein bisschen. In der Tatsache, dass alle Amerikaner öffentlich auf ihre Herkunft stolz sein dürfen, sehen viele einen Grund, auf Amerika stolz zu sein. Dieser Stolz ist so ausgeprägt wie harmlos. In dem Haus um die Ecke, vor dem Tag und Nacht eine riesengroße amerikanische Fahne weht, kann ebensogut ein linker Demokrat wohnen wie ein rechter Republikaner.

Minderheiten und Randgruppen sind ebenfalls stolz auf ihr Land. Selbst unter amerikanischen Obdachlosen findet sich Nationalstolz. Auf die Frage, worauf sie in erster Linie stolz sind, würden die meisten Amerikaner wohl antworten: auf unsere Freiheit. Damit sind die primären Freiheiten gemeint, wie die Meinungs- und Handlungsfreiheit, die in der Tat so weit gefasst sind wie sonst nirgendwo auf der Welt. Nicht gemeint ist damit eine um die soziale Komponente erweiterte Freiheits-Definition, wie sie für den europäischen Sozialstaat typisch ist: frei zu sein von der Sorge um den Arbeitsplatz, die Gesundheit, die Ernährung, die Erziehung.

Die Frage, ob man auf etwas stolz sein kann, was man nicht geschaffen hat, stellt sich für die meisten Amerikaner nicht. Sie haben trotz ihres Individualismus das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören, zu der jedes Mitglied seinen Teil beiträgt. Das Gefühl ist latent, kann aber bei besonderen Anlässen - ob Mondlandung, Irak-Krieg oder Olympia - leicht aktiviert werden. Wer aus Irland stammt, erlebt es jährlich.

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