Politik : Nato fühlt sich von CIA-Agenten in Belgrad falsch informiert

WASHINGTON/BRÜSSEL (AFP/rtr/AP).Ursache für die irrtümliche Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad durch die Nato ist nach Angaben der USA eine "Fehlinformation" des US-Geheimdienstes CIA gewesen.Zu diesem Schluß seien die Vereinigten Staaten nach einer Untersuchung der Verantwortlichkeiten gekommen, hieß es am Sonntag in einer gemeinsamen Erklärung von US-Verteidigungsminister William Cohen und dem Chef des CIA, George Tenet: "Es war weder ein Irrtum des Piloten, noch technisches Versagen.Es war eine Fehlinformation, die zu einem Irrtum bei der Zielauswahl des Gebäudes führte."

Der deutsche Nato-Militärsprecher Walter Jertz hatte zuvor erklärt, daß das Gebäude irrtümlich für eine jugoslawische Armee-Einrichtung gehalten habe."Nach unseren Informationen war das Gebäude der Sitz der jugoslawischen Rüstungsbehörde." Es seien "mehr als eine Bombe" von einem Flugzeug abgeworfen worden.Nato-Sprecher Jamie Shea sagte, die falsche Information hätten "Agenten in Belgrad" geliefert.Deren Nationalität nannte er nicht.Weitere Informationen unterlägen der Geheimhaltung.

Aus Nato-Militärkreisen verlautete ergänzend, daß die Ursache vermutlich nicht bei dem Piloten des Bomberflugzeugs, sondern eher bei den Nato-Planern in Brüssel zu suchen sei."Man bekommt einen festen Satz von Koordinaten", erklärte ein Informant das Vorgehen zu Beginn eines Luftwaffeneinsatzes."Wenn die Koordinaten das falsche Gebäude kennzeichnen, dann hat der Pilot davon keine Ahnung." Die lasergesteuerte, "intelligente Bombe" tat genau das, was ihr eingegeben wurde.

Bei früherer Gelegenheit haben Nato und das Pentagon in Washington wiederholt erklärt, daß es sich bei der Bestimmung eines Angriffsziels um einen komplizierten Prozeß handelt, bei dem die Entscheidungsfindung von Mitteln der technischen Aufklärung unterstützt wird.Dabei kann es sich um Satellitenbilder, Fotos von Aufklärungsflugzeugen, abgefangene Dokumente des Gegners oder abgehörte Gespräche, öffentlich zugängliche Dokumente wie Kartenmaterial oder um Daten von Informanten vor Ort handeln - Einzelheiten will die Nato nicht angeben.Im Fall unbeweglicher Ziele wie einem Gebäude wird die teils militärisch, teils politisch begründete Entscheidung zur Plazierung und zum Zeitpunkt eines Angriffs lange vorher getroffen.Im Luftkrieg der Nato gegen Jugoslawien sind stets Vertreter mehrerer Staaten beteiligt.

In der US-Erklärung hieß, die Nato habe Tausende von Luftangriffen gegen ausgewählte Ziele in Jugoslawien geflogen, "mit einem Ausmaß an Präzision und Professionalismus, der einzigartig in der Militärgeschichte ist." Es gebe ein ausgefeiltes Verfahren zur Zielauswahl und -bestätigung, das jedoch im Falle der chinesischen Botschaft keinen Fehler entdeckt habe.Eine erneute Überprüfung des Verfahrens habe aber ergeben, daß dies eine "Anomalie" sei, die "vermutlich nicht noch einmal auftreten wird." Die Nato-Angriffe würden deshalb fortgesetzt und weiter verstärkt.

Die Zeitung "New York Times" berichtete am Sonntag unter Berufung auf ungenannte Nato-Beamte, für die Zielauswahl des Angriffs auf die Botschaft sei der amerikanische Geheimdienst CIA verantwortlich gewesen.Sobald ein Ziel festgelegt ist, verbringen Piloten, Navigatoren und Bodenmannschaften mehrere Stunden damit, den Einsatz vorzubereiten.Die Piloten bekommen dann vor dem Einsatz einen "target folder" mit den wesentlichen Daten, wie der ehemalige Kampfpilot und Luftwaffen-Generalmajor Charles Wald erklärt.

Im Fall des Angriffs auf Belgrad müßten Zielprozeß und Pilotenvorbereitung wegen der militärischen Bedeutung des ins Auge gefaßten Ziels und wegen der jugoslawischen Flugabwehr besonders umfangreich gewesen sein, hieß es aus Militärkreisen weiter."Das ist die Art, wie der Zielprozeß funktioniert - je höher die Bedrohung und je wichtiger das Ziel, desto mehr Zeit wird für die Prüfung benötigt.Je mehr Zeit für diese Prüfung zur Verfügung steht, desto besser."

Bei dem Angriff waren in der Nacht zum Samstag nach chinesischen Angaben mindestens drei Menschen getötet worden, die jugoslawische Nachrichtenagentur Tanjug sprach von vier Toten.Auf Antrag Chinas kam der Weltsicherheitsrat in New York unmittelbar nach Bekanntwerden der Bombardierung zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen.Die Mitglieder übermittelten der chinesischen Regierung "ihr Mitgefühl und ihr Beileid für die Familien der Opfer".

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