Politik : Nato-Geschosse: "Die Haupt-Betroffenen sind die Menschen im Kosovo"

Hermann Horstkotte,Robert von Rimscha

Die Botschaft war klar. "In keinem Punkt etwas Kritikwürdiges" hätten sie gefunden, teilte der Wissenschaftler Paul Roth mit. "Alle Uran-Ausscheidungen bei allen Gruppen lagen im normalen Bereich." Gleich zwei Runden von Experten traten am Freitag vor die Presse, um Erhellendes zur möglichen Gefährdung von Kosovo-Soldaten durch amerikanische Uran-Munition zu präsentieren. Roth gehört zu den Wissenschaftlern der Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF) beim bayerischen Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, das in Berlin seine Studie präsentierte. Auftraggeber war das Verteidigungsministerium. Die Ergebnisse seien indes "von niemandem beeinflusst" worden, betonte GSF-Sprecher Heinz-Jörg Haury.

121 Stichproben von Soldaten und 50 weitere von Polizisten, Zivilisten und Helfern auf dem Balkan hätten keine auffällig erhöhten Uranwerte gegenüber Zivilisten in Deutschland gezeigt. "Wo kein Uran ist, ist auch keine durch Uran verursachte Krankheit", meinte Roth. Mithin gebe es kein Indiz für eine erhöhte Leukämiegefahr, erklärte unter dem Beistand namhafter Nuklearmediziner auch Dirk Densow vom Sanitätsamt der Bundeswehr bei der parallelen Runde in Bonn. Doch für die statistische Repräsentativität der Untersuchungsergebnisse wollte keiner der Experten die Hand ins Feuer legen. In der Regel, so Wolfgang Köhnlein von der Strahlenschutzkommission des Umweltministeriums, liegen zwischen der Verursachung und dem Ausbruch der Krankheit einige Jahre, so dass man heute über Folgeschäden des Balkankrieges nur spekulieren könne. Ludwig Feinendegen, ehemaliger Direktor im Forschungszentrum Jülich, unterstrich: Die Wirkung von eingeatmetem oder verschlucktem Uranstaub auf "komplex reagierende Systeme" wie den menschlichen Körper sei nicht überschaubar. Der Blick der Öffentlichkeit auf Leukämie lenke von anderen Missbildungen ab.

Es hätte gar nicht so weit zu kommen brauchen und, wenn es nach der Bundeswehr gegangen wäre, auch nicht kommen können, stellte ihr Vertreter Densow klar. Die Bundeswehr hat schon vor Jahrzehnten auf Geschosse mit abgereichertem Uranmantel verzichtet und verwendet statt dessen teureres Wolfram. Hingegen haben die Atommächte USA, Frankreich und England abgereichertes Uran als Abfall von der Waffenproduktion. Vor diesem Hintergrund wollen sie die Uranmunition nicht bannen. "Das spricht Bände", meint Köhnlein. Er stellte klar, dass die Uran-Munition "auch die deutschen Soldaten gefährdet hat". Der Golfkrieg habe gezeigt, dass erst Jahre nach dem Ende der Kampfhandlungen ein klares Bild dessen zu gewinnen sei, was an Gesundheitsgefahren wirklich vorliege.

Was die eigentlichen Opfer der Uran-Munition angeht, waren sich die Wissenschaftler in Berlin mit den Kollegen in Bonn einig. "Natürlich waren die Soldaten bestens vorbereitet, darin unterscheiden sie sich von der Bevölkerung", meinte Roth. Auch Haury sagte: "Die Hauptbetroffenen sind die Menschen da unten." Die Kinder, vor allem mit dem Erdreich in Kontakt kommende Kleinkinder, seien die Gefährdetsten.

So seien denn mögliche Reihenuntersuchungen von deutschen Soldaten "ein psychologisches, kein medizinisches" Unterfangen. Auch wenn sie auf Kritik an der Hardthöhe verzichteten, präsentierten die beiden Wissenschaftler-Runden zwei Forderungen. Die Wrack-Stellen müssten gesäubert und die Kinder aus dem Kosovo untersucht werden.

In der SPD-Bundestagsfraktion wurde indes heftige Kritik an der Informationspolitik von Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) laut. Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Gernot Erler sagte, Informationen etwa über den hohen Schutzstandard bei der Bundeswehr seien nur stückweise und mit riesiger Verzögerung veröffentlicht worden. "Das hat den Eindruck erweckt, es soll etwas vertuscht werden", sagte Erler. Die PDS kündigte am Freitag an, sich für die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zur Uran-Munition einzusetzen.

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