Politik : Nato-Geschosse: "Vernachlässigbare Substanz"

Claudia Lepping

Der Minister strotzte vor Selbstsicherheit, als er die Wissenschaftler mit schon süffisantem Lächeln in die Runde bat, seine Positionen zu stützen. Ja, Verteidigungsminister Rudolf Scharping wollte es allen Kritikern zeigen, dass sein Haus keine Probleme mit uranhaltiger Munition auf dem Balkan oder in Deutschland hat. So erleichtert war Scharping, dass "nach allen vorliegenden Erkenntnissen" die mit Uran abgereicherte US-Munition als strahlende Substanz genauso "vernachlässigbar" sei wie ihre toxische Belastung.

Da fühlte sich Claus Piekarski, seines Zeichens Direktor des Instituts für Arbeitswissenschaften der Uni Köln, schon herausgefordert einzuräumen, dass die Untersuchungszeiträume zu kurz seien, um eine Gefährdung der in Bosnien und Kosovo eingesetzten Soldaten wissenschaftlich völlig auszuschließen. Und "viel Forschungsarbeit" ist nach Ansicht Piekarskis nötig, um die Gesundheitsgefahr für jene Bosnier und Kosovaren festzustellen, die "ja dauerhaft mit einem toxischen Risiko" im Krisengebiet Balkan leben müssten. Verbindliche Aussagen für eine abschließende Analyse seien wegen der vielen internationalen Truppenverbände dort so schnell nicht zu erwarten.

Mit Uran verstrahlt worden, da waren sich Wissenschaftler, Militärs und Politiker einig, sei jedoch niemand. Die Bundeswehr habe während des Kosovokriegs im Frühsommer 1999 uranabgereichert Munition nicht verwendet, betonte Scharping. Die USA wiederum hatten von A-10-Kampfbombern damit geschossen. Deshalb habe Deutschland als einziges Nato-Mitglied 150 Soldaten medizinisch ständig überwacht. Und jene Ergebnisse seien im Vergleich zu denen von Soldaten, die nicht im Balkan-Einsatz waren, unauffällig. Mit Blick auf in Deutschland gelagerte Uran-Munition der Amerikaner zitierte Scharping die USA zu zwei Zwischenfällen (1985 Altenwalde, 1986 Grafenwöhr), bei denen jeweils ein Geschoss abgfeuert worden war: "Das Erdreich in den betroffenen Schießanlagen wurde abgetragen und entsorgt." Bis zum Ende des Kalten Krieges gehörte die mit hoher Durchschlagskraft ausgestattete Uran-Munition auch zur Gefechtswaffe der Bundeswehrsoldaten.

Dennoch hält Scharping daran fest, von der Nato ein Moratorium für Uran zu verlangen: "Weil es technische Alternativen gibt, die uns Diskussionen wie die über Uran ersparen."

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