Politik : NATO gesteht Angriff auf Flüchtlinge ein und bedauert "tragischen Unfall"

BRÜSSEL/BELGRAD/BONN (Tsp).Die NATO hat am Donnerstag eingestanden, daß ein Kampfjet der Allianz einen Flüchtlings-Konvoi beschossen hat.Dabei wurden Menschen getötet.Nachdem die Allianz Vorwürfe aus Belgrad erst dementiert hatte, gestand sie den Irrtum etappenweise ein.24 Stunden nach dem Beschuß bedauerte NATO-Sprecher Shea, daß es beim irrtümlichen Angriff auf ein ziviles Fahrzeugs Opfer gegeben habe.Nach serbischen Angaben starben 75 Menschen.Ungeachtet dessen setzte die Allianz ihre Angriffe fort.Belgrad forderte eine UN-Sicherheitsrats-Sitzung.Es wies Berichte zurück, der Treck sei von serbischen Flugzeugen angegriffen worden.

NATO-Sprecher Shea machte keine Angaben über Tote und Verletzte."Die NATO bedauert zutiefst, daß es bei diesem tragischen Unfall Tote gegeben hat", sagte Shea.China und Rußland verurteilten den Angriff.Ein hoher Offizier der Allianz erläuterte, NATO-Flugzeuge hätten am Mittwoch außerdem auf einen "eindeutig militärischen" Konvoi auf der Straße von Djakovica nach Prizren gefeuert.Die Bundeswehr sprach ihr "tiefes Bedauern" über den versehentlichen Luftangriff aus.Bei den Angriffen auf die beiden Flüchtlingstrecks wurden nach Angaben eines AFP-Reporters mindestens 33 Menschen getötet.

Bevor Shea sich äußerte, hatte schon das Allierte Oberkommando in Europa den Vorfall in einer Erklärung zugegeben.Ein Flugzeug habe irrtümlicherweise eine Bombe abgeworfen.Es war von einem zivilen Fahrzeug die Rede, das in einem "gemischten Konvoi" gefahren sei.Man könne "die Zahlen der serbischen Quellen nicht bestätigen", so die NATO.Für die Umstände trügen Jugoslawiens Präsident Milosevic und seine Polizei die volle Verantwortung.

Shea sagte: "Wir haben die Operation begonnen, um Leben zu retten.Ein tragischer Unfall kann und wird nicht unsere Überzeugung unterhöhlen, daß unsere Sache gerecht ist", sagte er.Nach eigenen Angaben flog der Pilot in 15 000 Fuß Höhe einen Angriff gegen einen Konvoi, an dessen Spitze er drei grüne Militär-Lastwagen auszumachen glaubte.Er zeigte sich überzeugt, auf der Straße zwischen den Orten Decane und Djakovica im Westen des Kosovo den ersten Lastwagen getroffen zu haben.Wie sich später herausstellte, handelte es sich dabei jedoch offensichtlich um einen Traktor.Die Aussage des Piloten wurde vom Tonband abgespielt.Das jugoslawische Außenministerium erklärte in Belgrad, bei den Opfern habe es sich um Flüchtlinge gehandelt, die in ihre Wohnungen zurückkehren wollten.

Der italienische NATO-General Giuseppe Marani bestritt, daß die Einsatzregeln nicht streng genug seien."Ein Fehler kann passieren." Shea ergänzte: "In der Geschichte der Menschheit hat es noch nie einen Konflikt gegeben, in dem keine Unfälle passierten."

US-Verteidigungsminister Cohen deutete in Washington an, daß die Angriffe bis in den Sommer hinein andauern könnten.Auf die Frage, warum keine Bodentruppen in das Kosovo geschickt würden, sagte Cohen, es gebe dazu in der NATO keine Einigkeit.

Das UNHCR teilte mit, die Zahl der Vertriebenen könnte auf bis zu 50 000 steigen, wenn Flüchtlingsberichte zutreffen sollten, daß nun die Region Urosevac von einer systematischen Vertreibungsaktion erfaßt worden sei.

Unterdessen lehnte die jugoslawische Führung jedes Gespräch über den von Bonn vorgeschlagenen Friedensplan ab, solange die NATO-Angriffe nicht gestoppt werden.Das Auswärtige Amt hatte einen Plan vorgelegt, der eine 24stündige Angriffspause für den Fall anbietet, daß die jugoslawischen Truppen nachprüfbar mit ihrem Rückzug beginnen.Der Moskauer Kosovo-Beauftragte Tschernomyrdin sagte hingegen, die deutsche Initiative verdiene Aufmerksamkeit.Er wolle mit Milosevic sprechen.Die Ukraine stellte einen eigenen Drei-Stufen-Friedensplan vor.Die erste Stufe sehe eine zeitgleiche Feuerpause der jugoslawischen Truppen, der NATO und der kosovo-albanischen Separatisten vor, so Präsident Kutschma.

Deutschland wird angesichts des Flüchtlingselends in den Kosovo-Anrainerstaaten nach den Worten der Ausländerbeauftragten der Bundesregierung, Beck, die Aufnahme von Flüchtlingen verstärken müssen."Wir wissen, daß das Kontingent von 10 000 nur der erste Schritt sein kann", sagte die Grünen-Politikerin in Bonn.

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