Politik : NATO-Gipfel auf Suche nach Strategie

WASHINGTON (rvr/AFP).Mit viel Wortgerassel führen die Alliierten die Diskussion um den Bodentruppen-Einsatz im Kosovo, ohne daß sich ein klares Votum für oder gegen den Landkrieg auf dem Balkan abzeichnet.Die Staats- und Regierungschefs der 19 NATO-Staaten wollten am Freitag beim Gipfeltreffen in Washington ihre weitere Kriegsstrategie verabreden.Fünfwöchige Luftangriffe haben bislang nicht die gewünschte Wirkung auf den jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic gehabt.Grundsätzlich wird eine Invasion Serbiens immer noch ausgeschlossen.Doch rhetorisch bereiten vor allem die Regierungen in London und Washington das Publikum auf den möglichen Bodeneinsatz vor.Milosevic könne der NATO nicht vorschreiben, wann die Friedenstruppen kommen, sagte der britische Premierminister Tony Blair.Ein klares Nein kam dagegen aus Bonn.

Die Türkei dagegen signalisierte Zustimmung zum Einsatz von Bodentruppen.Auf die Frage, ob er Bodentruppen unterstütze, sagte der türkische Staatschef Suleyman Demirel in Washington: "Alle Länder sollten alles tun, was die NATO braucht.Wir müssen unsere Verpflichtungen in jedem Fall erfüllen, weil wir uns eine Niederlage nicht leisten können." Der griechische Außenminister antwortete auf dieselbe Frage, "wir wäre nicht froh, wenn wir über Bodentruppen entscheiden müßten, weil das die Befriedung der Region nach dem Einsatz eher komplizierter macht."

Der britische Verteidigungsminister George Robertson rühmte in Washington die erfolgreichen Luftangriffe der NATO-Streitmacht, selbst wenn es noch nicht so klar sei, welche Schäden die Marschflugkörper, lasergesteuerten Raketen und Bomben der jugoslawischen Armee und Sonderpolizei zugefügt hätten.Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer glaubt, daß die NATO-Attacken schon demoralisierend auf die serbische Moral wirkten.Fischer will keinen "Strategiewechsel".

NATO-Generalsekretär Javier Solana gab den Militärs den Auftrag, die aus dem vergangenen Jahr stammenden Planungen für einen Einsatz von bis zu 200 000 Soldaten noch einmal zu überarbeiten - nur zur Sicherheit.Oberbefehlshaber Wesley Clark forderte vor längere Zeit bereits 24 Kampfhubschrauber an, die den Luftkrieg näher an den Boden tragen.Die "Apaches", die derzeit in Albanien auf einen Einsatz vorbereitet werden, sollen die serbischen Panzer knacken und den Widerstand Milosevics gegen die Stationierung einer internationalen Friedenstruppe brechen.Wenn auch diese Waffe ihre Wirkung verfehlen sollte, bliebe als nächster militärischer Schritt tatsächlich nur die Entsendung von Kampftruppen.

Selbst wenn der Beschluß einer Invasion Serbiens in diesen Tagen fallen würde, würden Wochen und Monate vergehen, bis Zehntausende Soldaten und schwere Waffen verlegt und kampfbereit sind.Damit wächst die Ungeduld von NATO-Spitzen.Robertson und US-Außenministerin Madeleine Albright sprachen in Washington davon, daß Truppen dann den Marschbefehl bekommen könnten, wenn ein "geeignetes Umfeld" vorhanden sei.Dies wäre gegeben, wenn die jugoslawische Führung doch noch Sicherheitsgarantien für ausländische Soldaten gibt - oder wenn die NATO-Militärführung überzeugt ist, daß die jugoslawische Armee derart geschwächt ist, daß sie den anrückenden NATO-Truppen keine größeren Verluste mehr zufügen könne.

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