Politik : NATO setzt schwere Angriffe auch nach Tschernomyrdin-Mission fort

MOSKAU/WASHINGTON/BELGRAD (Tsp).Während die Welt am Freitag darüber rätselte, ob der russische Sondergesandte Viktor Tschernomyrdin bei seinen Gesprächen mit dem serbischen Präsidenten Milosevic einen Durchbruch erzielt hat, setzte die NATO ihre schweren Angriffe gegen Jugoslawien fort.In der Nacht zum Freitag wurde das Sendezentrum des serbischen Fernsehens in Belgrad getroffen.Dabei gab es Tote und Verletzte.In NATO-Kreisen stieß das Ergebnis der Mission Tschernomyrdins zunächst auf Ablehnung.US-Präsident Clinton und der britische Premier Blair sagten, der Plan erfülle die Forderungen der NATO nicht.Tschernomyrdin trat am Freitag in Moskau der offiziellen Erklärung Belgrads entgegen, wonach Jugoslawien eine internationale Militärpräsenz im Kosovo ablehne.Die Entsendung einer bewaffneten Schutztruppe ist Bedingung der NATO für eine Beendigung der Luftangriffe.

Milosevic wolle nur Beobachter der Vereinten Nationen (UN) akzeptieren, die die Rückkehr der Flüchtlinge in das Kosovo überwachen sollen, teilten Vertreter des jugoslawischen Außenministeriums in Belgrad mit.Eine Stationierung ausländischen Militärs zum Schutz der Kosovo-Albaner lehne Belgrad weiterhin ab.Dagegen sagte Tschernomyrdin in Moskau auf die Frage, ob Milosevic ausländisches Militär akzeptiert habe: "Das Militär wird dort sein.Natürlich meinen wir das Militär....Dort gibt es einen Krieg." Weiter sagte der frühere Regierungschef russischen Nachrichtenagenturen: "Rußland wird notwendigerweise eine Rolle bei den Streitkräften spielen, die im Kosovo stationiert werden."

Tschernomyrdin hatte am Donnerstagabend nach neunstündigen Verhandlungen in Belgrad erklärt, ein mit Milosevic abgestimmtes Friedensangebot sehe eine "internationale Präsenz unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen" im Kosovo vor.Er erklärte sich bereit, am heutigen Sonnabend zu den Staats- und Regierungschef der NATO nach Washington zu reisen und sie über seine Mission zu informieren.NATO-Sprecher Shea sagte am Freitag, es sei völlig offen, ob der russische Politiker tatsächlich komme.Westliche Beobachter in Moskau hielten es jedoch für wahrscheinlicher, daß er nur telefonischen Kontakt aufnehmen werde.

Die britische Regierung hatte Tschernomyrdins Erklärung als unzureichend abgelehnt.In London sagte ein Regierungssprecher, sowohl Premierminister Blair als auch US-Präsident Clinton seien der Ansicht, daß das Angebot die Forderungen der NATO nicht erfülle.Die Bonner Regierung bewertete das Ergebnis zurückhaltend.Die Informationen reichten zu einer grundsätzlichen Bewertung nicht aus, sagte Außenamts-Staatsminister Verheugen.UN-Generalsekretär Annan begrüßte hingegen das Verhandlungsergebnis.Er sei ermutigt und warte gespannt auf die Details der Übereinkunft.NATO-Generalsekretär Solana sagte, "Europa erlebt eine schwere Krise", und die NATO sei sich einig in ihrem Willen, sie durchzustehen.Clinton sagte, vom Gipfel solle ein klares Signal der Entschlossenheit ausgehen, die Angriffe so lange wie nötig fortzusetzen.

Indessen forderte der Luftangriff auf das Hauptgebäude des serbischen Fernsehsenders nach offizieller serbischer Darstellung mindestens zehn Menschenleben, 18 weitere Mitarbeiter wurden verletzt.Der Staatssender setzte nach Unterbrechung sein Programm auf neuen Kanälen fort.Da das Gebäude des Staatsfernsehens im dicht besiedelten Stadtzentrum liegt, seien auch große Schäden an umliegenden Häusern entstanden, meldete Belgrad.Dazu zählten ein Jugendzentrum, ein Theatergebäude, zwei orthodoxe Kirchen und viele Wohnhäuser.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) bereitet sich in den Nachbarregionen des Kosovo inzwischen auf die Ankunft von bis zu 300 000 weiteren Vertriebenen in den kommenden Tagen vor."Wir wollen täglich 10 000 Kosovo-Albaner von Kukes nach Tirana bringen, um an der Grenze Platz für neu ankommende Flüchtlinge zu schaffen", sagte eine UN-Sprecherin in Genf.Die Schätzungen der UN beruhen auf NATO-Informationen, wonach sich zwei große Flüchtlingstrecks mit 100 000 und 170 000 Menschen unweit der Grenzen zu Albanien und Mazedonien befinden sollen.

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