Politik : NATO startet Luftschlag gegen Serben / Milosevic ruft zur Verteidigung des Landes auf

BRÜSSEL/BELGRAD/BERLIN (Tsp).Knapp 24 Stunden nach dem Einsatzbefehl sind am Mittwoch abend erste NATO-Kampfbomber von Italien aus in Richtung Serbien gestartet.40 schwerbewaffnete Maschinen machten sich nach NATO-Angaben in einer ersten Welle auf den Weg.Bereits gegen 20 Uhr wurden heftige Explosionen aus der Nähe von Pristina im Kosovo gemeldet.Diplomatische Bemühungen hatten den jugoslawischen Präsidenten Milosevic nicht umstimmen können.Er rief trotz eines eindringlichen Friedensappells des Berliner EU-Gipfels zur Landesverteidigung auf.Rußlands Präsident Jelzin hatte kurz vor dem ersten Angriff noch "an die ganze Welt" appelliert, US-Präsident Clinton vom Militärschlag abzubringen."Das wäre ein Krieg in Europa und möglicherweise auch mehr."

Washington warnte Milosevic in scharfen Worten gewarnt, den Kosovo-Konflikt auszuweiten und noch weiter zu eskalieren.Er müsse dann mit "äußerst ernsthaften Folgen rechnen", sagte Außenamtssprecher Rubin am Mittwoch.Die USA hofften, daß der Konflikt nicht auf Nachbarländer Serbiens übergreife, auch nicht auf Montenegro.Außenministerin Albright telefoniere weltweit mit Amtskollegen: "Die Diplomatie dient jetzt dem militärischen Handeln."

Die Staats- und Regierungschefs der EU hatten Belgrad am Nachmittag aufgefordert, "in dieser Stunde den Mut zu einem radikalen Wandel der eigenen Politik aufzubringen." Bundesaußenminister Fischer betonte, Milosevic könne "zu jeder Stunde" anrufen und ein glaubwürdiges Angebot machen."Der ganze militärische Prozeß würde angehalten, wenn es ein ernsthaftes Angebot gibt." Doch Milosevic rief die Bevölkerung auf, darauf vorbereitet zu sein, das Land "mit allen Mitteln" zu verteidigen.Die Medien sendeten bereits am Nachmittag Verhaltensregeln für einen Angriff.

Die jugoslawische Republik Montenegro schloß sich der Verhängung des Ausnahmezustands allerdings nicht an.Bereits tagsüber waren von Großbritannien aus acht US-Langstreckenbomber des Typs B 52 gestartet.Kriegsschiffe und Bomber der NATO erwarteten ihren Einsatzbefehl.Die NATO erhielt vom neutralen Österreich keine Überfluggenehmigung.Derweil gestattete Bulgarien die Nutzung des Luftraums.Doch wird sich das Land ebenso wie Griechenland nicht direkt an der Militäraktion beteiligen.

Im Kosovo selbst setzten die serbischen Sicherheitskräfte ihre Offensive gegen die Albaner fort.Panzer beschossen mehrere Dörfer, ein TV-Team berichtete von drei brennenden Ortschaften nahe der mazedonischen Grenze.Das Kosovo-Informationszentrum meldete weitere Angriffen und Plünderungen in der zentralen Drenica-Region.Während die Lage in Belgrad relativ ruhig war, flohen die Menschen aus Pristina zu Tausenden.

Die Belgrader Führung schloß den unabhängigen Rundfunksender "B 92".Außerdem wurde am Nachmittag die Fernsehsendeanlage der European Broadcasting Union gesperrt, über die ausländische TV-Teams ihre Beiträge absetzen.Jetzt gehe der Weg nur über das staatliche Fernsehen.



In Washington bereitete US-Präsident Clinton die US-Bevölkerung auf die Angriffe vor und bemühte sich in einem 35minütigen Telefonat mit Rußlands Präsident Jelzin, die Beziehungen zu Moskau nicht weiter zu belasten.Weißrußland und China forderten die NATO auf, Serbien nicht anzugreifen.Demgegenüber billigten die meisten westlichen Staaten den Einsatz.

Milosevic sagte am Nachmittag im Fernsehen: "Die Freiheit des gesamten Landes steht auf dem Spiel, und das Kosovo war nur die Tür, durch die ausländische Truppen hereingelassen werden sollten."

Den ganzen Tag über gab es diplomatische Bemühungen, den Militäreinsatz abzuwenden.Milosevics Bruder, Botschafter in Moskau, wurde zitiert, Belgrad sei zu weiteren Verhandlungen bereit - aber nur bis zum ersten Angriff.Die Türkei warnte Jugoslawien davor, mit dem Konflikt die gesamte Balkan-Region in Gefahr zu bringen.Sollte Jugoslawien nicht nachgeben, könne sich die Krise zu einem Krieg mit Auswirkungen auf den gesamten Balkan ausweiten, so Premier Ecevit.Ohne Militärschlag gegen die serbische Armee wird sich der Konflikt nach Ansicht des Chefs des kosovo-albanischen Exil-Regierung, Bukoshi, auf den ganzen Balkan ausweiten.

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