Naturschutz : Durchs wilde Sachsen

Jeder ist willkommen, nur einer nicht: der Mensch. Unterwegs in der Königsbrücker Heide – der einzigen echten Wildnis Mitteleuropas.

Auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz der Roten Armee in der Königsbrücker Heide darf sich die Natur auf 50 Quadratkilometern ungestört ausbreiten.
Auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz der Roten Armee in der Königsbrücker Heide darf sich die Natur auf 50 Quadratkilometern...Foto: Staatsbetrieb Sachsenforst

Er heißt Klitschko, sie heißt Silberblick. Er ist unglaublich groß, ein Koloss beinahe, sie ist klein und schmächtig. Wie schon ein paarmal im falschen Programm gewaschen, sagen die Respektlosen. Und ihre Bernsteinaugen, wenn sie einen ansieht, schauen nicht ganz in die gleiche Richtung. Vor Verlegenheit? Er kommt aus Polen, sie von nebenan aus dem Seenland. Klitschko und Silberblick. Seit 2011 sind sie ein Paar und zogen in die Königsbrücker Heide.

Klitschko und Silberblick sind die einzigen Wölfe Deutschlands, die da leben, wo Wölfe nach Meinung der meisten Menschen hingehören: in der Wildnis. Merkwürdig ist nur: Die Wildnis beginnt keine dreißig Kilometer vor Dresden! Von der sächsischen Hauptstadt aus nordöstlich gesehen, kommt erst Radeberg, wo das Bier gemacht wird, dann Pulsnitz, wo die Lebkuchen gebacken werden, und dann ist man auch schon fast da.

Im letzten Jahr traf eine Kommission der Weltnaturschutzunion IUCN ein, die maß und prüfte und kam zu dem einmütigen Schluss, dass es sich bei diesem Gebiet nur um eine Wildnis handeln könne und dass die Königsbrücker Heide daher ab sofort befugt sei, diesen Titel zu tragen. Die einzige Wildnis Mitteleuropas!

In eine Wildnis darf jeder rein, jeder ist willkommen, nur einer nicht: der Mensch, dieses missratene Tier, dieser Paria unter den Geschöpfen, der Verräter der Erde.

Wer in eine Wildnis fährt, sollte an eine passende Reiselektüre denken. Thoreaus „Walden oder Leben in den Wäldern“? Kurz vor Ostern 1845 zog der frühere Lehrer und weitgehend unbezahlte Redakteur einer Zeitung bedauerlich geringfügiger Verbreitung Henry David Thoreau aus Concord in Massachusetts vor die Stadt an das Ufer eines Teichs, wo niemand war außer ihm. Zurück zur Natur?

Eine merkwürdige Frontfrau der Wildnis

Aber ein Schwärmer war er nicht: „Aus der Verzweiflung der Stadt zieht man in die Verzweiflung des Landes hinaus und tröstet sich an der Tapferkeit von Sumpfotter und Bisamratte.“ Das ist doch mal ein Ansatz! Mit Thoreau nach Königsbrück!

„Dann fahren wir mal los!“, sagt Cornelia Schlegel vom örtlichen, etwas anderen Forstamt und startet ihren wildniserprobten Ford. Sie ist eine Königsbrückerin der ersten Stunde. Sie war schon dabei, als die meisten solche wie sie noch für Spinner hielten: Eine Wildnis bei Dresden, alles klar!

Cornelia Schlegel trägt grün, von Kopf bis Fuß, natürlich. Aber etwas stimmt nicht. Das ist kein Schilfgrün, auch kein Förstergrün, nicht mal ein Froschgrün, eigentlich ist das überhaupt kein Grün, das die Natur zu verantworten hätte, auch nicht das Material. Chemie, von oben bis unten? Eine merkwürdige Frontfrau der Wildnis, und doch: Macht eine kleine Inkonsequenz die allzu Konsequenten nicht erst menschlich?

Menschlich! Für Cornelia Schlegel ist dieses Adjektiv wohl kaum eine Auszeichnung. Wir fahren mitten hinein in einen himmelblauen birkenblassgrünen Frühlingstag. Die Schranken, die gewöhnlichen Mitbürgern verschlossen bleiben, öffnen sich; es ist ein wenig wie in Andrei Tarkowskis „Stalker“: Einfahrt in „die Zone“. Und dann sind wir allein.

Kein Mutterboden, keine Schicht Humus, gar nichts. Reine Wüste

Es ist Mitte April, da müsste Silberblick jeden Augenblick die Wölfe der Zukunft zur Welt bringen. Und wenn Klitschko ein nur halbwegs fürsorglicher Vater ist, lässt er sie jetzt nicht allein und streunt nicht am helllichten Tag durch die Heide, schon gar nicht hungrig. Die eigentlichen Eigentümer der Wildnis, so lautet die Hoffnung, sind beschäftigt.

Aber wann merkt man, wenn man in der Wildnis ist, dass man in der Wildnis ist? Links und rechts Birken und Kiefern, es sieht ein wenig aus wie in einem russischen Märchenfilm, dann wieder Birken und Kiefern. Es gibt abwechslungsreichere Wälder, aber Cornelia Schlegels Blick begrüßt jeden Baum einzeln. Das Besondere ist, sie sind alle gleich alt, keine fünfundzwanzig Jahre. Und sie sind gewachsen, obwohl hier nichts mehr war, kein Mutterboden, keine Schicht Humus, gar nichts, reine Wüste.

„Wir fahren jetzt durch Otterschütz“, sagt die Frontfrau der Wildnis und zeigt auf halbwüchsige Birken und Kiefern, was sonst? „Nein, nicht die, sehen Sie denn nicht die Fliederbüsche, das ist Gartenboden, hier waren die Hausnummern 28 b und c.“

Das Gesicht der Frau in Neongrün beginnt zu leuchten

Vor 110 Jahren, als das Königreich Sachsen zu der Überzeugung kam, ein neues großes Truppenübungsfeld zu brauchen, fiel seine Wahl auf die Königsbrücker Heide. Die Bodenfruchtbarkeit war hier am geringsten. 1907 mussten die Otterschützer ihre Häuser verlassen und die zweier anderer Dörfer mit ihnen. Kein Stein ist mehr auf dem anderen, aber ihre Fliederbüsche sind noch da, und sie werden wieder blühen, wenn es Mai ist, ungesehen, letzte Zeugen.

Wir halten auf einer Brücke, unter ihr fließt der Otterbach, davor lag einst der Dorfanger von Otterschütz, jetzt ist dort nur Erlenbruchwald. Das Gesicht der Frau in Neongrün beginnt zu leuchten: „Die ersten Siedler im 12. Jahrhundert müssen ähnliche Wälder vorgefunden haben!“

Dabei ist Cornelia Schlegel nicht unbedingt eine Sympathisantin der Siedler, denn mit ihnen begannen die Rodungen. Ein anderer Königsbrücker formulierte das so: „Sie vernichteten schlagartig die bisherige Naturlandschaft und ihre natürlich gebliebenen Wälder.“

Der Nachthimmel war taghell vor Explosionen

Den Schlusspunkt aber setzte 700 Jahre später die Rote Armee. Die Königsbrücker Heide war Ausbildungszentrum der 1. Garde-Panzerarmee der Sowjetunion, und ausgebildet wurde immer; manchmal war der Himmel nachts taghell vor Explosionen, Fensterscheiben in Wohnhäusern ringsum gingen zu Bruch, akustisch lebten die Königsbrücker und ihre Nachbarn auch im Frieden Tag und Nacht im Krieg.

Dass nur 300 Meter vom letzten bewohnten Haus entfernt Sprengköpfe atomarer Mittelstreckenraketen lagerten, wussten sie zwar nicht, ahnten aber das Schlimmste. Für die Rote Armee war das hier nicht die Königsbrücker Heide, sondern der „vorgeschobene Gefechtsstand westlicher Kriegsschauplatz“.

Isegrim. Auch Wölfe leben in der Königsbrücker Heide.
Isegrim. Auch Wölfe leben in der Königsbrücker Heide.Foto: Patrick Pleul/Picture Alliance/dpa

1990 meldete sich beim Kommandanten einer der mächtigsten Armeen der Welt die Bürgerinitiative „Friede mit der Natur“. Cornelia Schlegel gehörte zu ihr. Wenn sie von jener Zeit spricht, kommt Leidenschaft in ihre Stimme, dabei neigt sie von Berufs wegen zu einem eher unterkühlten Temperament, sie ist Geologin.

Eine Armee und eine Bürgerinitiative begegnen sich normalerweise nie, und allein dieser Name! Friede mit wem? Mit der Natur? Oberst André Shgiljow hatte keine Angst vor der Natur. Anders als der Klassenfeind hat die Natur keine Pershings, sie schießt nie zurück. Und doch war Oberst André Shgiljow ein zugänglicher Mann und verstand den Standpunkt Cornelia Schlegels, dass sie hier wohne und wer wohnt schon gern auf „einem vorgeschobenen Gefechtsstand westlicher Kriegsschauplatz“? Als die ersten Königsbrücker das riesengroße Sperrgebiet betraten, standen ihnen Tränen in den Augen.

Es ist gefährlich, hier zu laufen

Am 8. August 1992 verließen 10 000 russische Offiziere und deren Familien, Soldaten und Zivilangestellte die Heide. 4,1 Millionen Stück Kriegsgerät und Munition wurden allein bis 1994 fortgeschafft. Und weil es immer noch gefährlich ist, hier zu laufen, verhängte das sächsische Innenministerium ein generelles Betretungsverbot.

Natürlich halten sich nicht alle dran. Die Heide gehört auch mir!, denkt mancher Anwohner und geht beherzt los. Einer blieb drei Tage lang verschwunden und musste mit Hubschraubern gesucht werden.

Dreihundert Jahre noch, dann wird der Urwald so dastehen, wie er war, bevor die Menschen kamen. Und nichts mehr wird an uns erinnern. Das ist die Utopie.

Eine Geologin denkt in anderen Zeitrechnungen. Christi Auferstehung war in der Wahrnehmung eines Geologen erst gestern, ach was, nicht mal vor fünf Minuten. Geologen nennen unsere Epoche auch das Anthropozän, das Zeitalter des menschlichen Zugriffs auf die Erde. Allein das Wort verrät die Gewissheit, dass auf dieses unerfreuliche Intermezzo wieder bessere Tage folgen werden. Sympathisanten unserer Art sind die Geologen nicht.

Weiterfahren und dabei wissen, dass niemand uns entgegenkommen, niemand uns überholen wird. Ein Bretterweg führt auf eine Freifläche mit kleinen Teichen. Und dann ein jähes Begreifen, was hier anders ist. Dieses Rauschen von fern, man meint es zu kennen. Aber das kann keine Straße sein, es gibt hier keine Zivilisationsgeräusche, das müssen andersrauschende Bäume sein. Die Einsicht ist wunderbar, aber auch beunruhigend.

Je mehr Biber, desto mehr Überschwemmungsgebiete!

Die Ohren werden hellwach, plötzlich weiß man, wie es unseren Vorfahren ging: „Das Ohr, das Organ der Furcht, hat sich nur in der Nacht und in der Halbnacht dunkler Wälder und Höhlen so reich entwickeln können, wie es sich entwickelt hat, gemäß der Lebensweise des furchtsamen, das heißt des allerlängsten menschlichen Zeitalters, welches es gegeben hat: im Hellen ist das Ohr weniger nötig. Daher der Charakter der Musik als einer Kunst der Nacht und Halbnacht.“ Friedrich Nietzsche hat so begründet, warum wir Musik hören können. Auch so hängen Natur und Kultur zusammen. Wir hören Bachs „Matthäuspassion“, weil wir aus Wald und Höhle kommen.

An einem rauschenden Bach lässt sich der Gedanke nicht abweisen, dass man hier, genau hier, seine Hütte bauen sollte, wie Thoreau. Mit einem kleinen Garten davor könnte man doch überleben? Ach was, sagt Cornelia Schlegel, den brauchen Sie nicht. Das alles hier können Sie essen! Und sie zeigt auf Brennnesseln und Blumen, von Bläulingen umspielt.

Der allein anerkannte Architekt, Baumeister, Meliorateur und oberster Wasserwirtschaftler weit und breit ist der Biber. Eine einzige Biberburg gab es noch, als die Sowjetarmee abzog. Jetzt sind es 44, es waren schon mal mehr, und sie sind längst in Cornelia Schlegels Träume eingewandert. Im schlimmsten starb der ganze Uferwald der Pulsnitz ab. Denn das passiert mit den Orten, die der Biber unter Wasser setzt. Je mehr Biber, desto mehr Überschwemmungsgebiete!

Klitschko und Silberblick kamen gerade rechtzeitig

Sollten etwa all die Zweifler und Höhner recht behalten, die ihnen prophezeit hatten, dass ohne planmäßige menschliche Einflussnahme alles den Bach runtergehen, in einer einzigen Katastrophe enden würde? Doch als die Biber wirklich zu viele wurden, kamen Klitschko und Silberblick, gerade rechtzeitig.

Klitschko und Silberblick sind eine normale Familie, das sehen sogar die Menschen, die mit dem Wildnis-Mobil durch die Heide fahren dürfen. Im letzten Sommer wollten die kleinsten Wölfe am liebsten mit einsteigen, doch in einiger Entfernung saß finster und wehrhaft Silberblick.

Junge Wölfe bleiben noch ein bis zwei Jahre bei ihren Eltern, so entsteht das Rudel, und die älteren zeigen den kleinen Geschwistern, was sie wissen müssen: Da wäre zuerst, wie man jagt. Wölfe unterrichten Wölfe auf einem früheren Truppenübungsplatz der Sowjetarmee! Wenn Cornelia Schlegel so etwas sieht, weiß sie, warum sie lebt.

Eigentlich könnte sich das Rudel auch besser um die Hirsche kümmern. Denn es sind schon sehr viele, jeder Förster würde sagen: Seht ihr, ihr Wildnisspinner! Die fressen euch die Bäume weg. In der Wildnis darf natürlich nicht gejagt werden. Aber die Förster hätten auch nie geglaubt, dass hier jetzt schon Eichen wachsen. Machen sie aber, dank des Eichelhähers. Der verteilt jeden Herbst zwei Tonnen Eicheln über die Heide als Vorrat für schlechte Zeiten. Aber nur ein Drittel findet er wieder. Aus den anderen zwei wird Wald!

„Jetzt hat die Natur Frieden geschlossen.“

Es ist wahr, Klitschko, Silberblick und ihre Nachkommen sind eine normale Familie, aber nicht immer. Im letzten Februar haben sie siebzig Schafe gerissen. Nun gut, die Herde stand schon in der Wildnis. Sie sollte hier Ginster und kleine Kiefern fressen, denn ein bisschen Freifläche ist eben doch schön, sogar in der Wildnis. Die Schafe waren von einem Elektrozaun geschützt, aber entweder haben Wildschweine ihn durchlöchert oder die Angreifer sind drüber gesprungen.

70 Schafe! Wölfisch war das schon.

Der Osterhase, vielleicht sollte man das noch sagen, ist kein Kaninchen. Er ist viel größer, auch er hatte die Heide längst verlassen. Jetzt ist er wieder da, und versteckt sich vor Klitschko, Silberblick und ihren Kindern am liebsten hinter den Ginsterbüschen, die bald wieder blühen, im Mai.

Schon drei Mal ist der letzte russische Kommandant zurückgekehrt auf seinen „einstigen vorgeschobenen Gefechtsstand westlicher Kriegsschauplatz“. Rein militärisch betrachtet, war, was er sah, ein komplettes Desaster. Aber er stand am größten Biberstaudamm und sagte: „Jetzt hat die Natur Frieden geschlossen.“ Es war der schönste Satz, den Cornelia Schlegel je gehört hat.

Der Text erschien hier am 17. April in einer gekürzten Version und im Online-Kiosk Blendle.

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