Naturschutz : Ein deutscher Urwald

Was trägt Deutschland zur Weltnaturschutz-Konferenz bei? Das Gastgeberland hat nur unberührte "Urwald-Reste" - die Renaturierung ist demnach große Ziel.

Dagmar Dehmer

BerlinDer letzte Urwald Deutschlands ist recht überschaubar. Und weil bei Urwald jeder Bilder vom tropischen Regenwald im Kopf hat, spricht Peter Gaffert vorsichtig von den „letzten Resten urwaldähnlicher Wälder“. Peter Gaffert leitet den Nationalpark Kellerwald-Edersee. Der „Urwald“ beschränkt sich auf einen Fels oberhalb der Edersee-Schleife. Die ältesten Buchen an diesem Hang haben mit 260 Jahren ein geradezu biblisches Alter erreicht. Daneben stehen Eichen, Linden und abgestorbene Ulmen. Der Beweis dafür, dass dieser Felswald nie genutzt worden ist, wird vom Eremitenkäfer und dem veilchenblauen Wurzelhalsschnellkäfer erbracht. Denn diese Arten gibt es nur in „urwaldähnlichen Wäldern“. Warum dieser Wald nie genutzt worden ist, erklärt sich von selbst: Er konnte nicht geschlagen werden. Es mit einer Axt oder Kettensäge auf dem glatten Fels überhaupt bis zu den Bäumen zu schaffen, ist schwer möglich. Und wie hätten die Menschen die Bäume abtransportieren sollen? Diese Unzugänglichkeit ist der Grund dafür, dass es im Kellerwald noch ein bisschen Urwald gibt.

Seit diesem Montag ist Deutschland in Bonn Gastgeber der Weltnaturschutzkonferenz. Zwei Jahre lang wird Deutschland das CBD-Sekretariat innehaben. Bevor die rund 5 000 Delegierten aus 189 Ländern angereist sind, hat sich der Gastgeber noch einmal Mühe gegeben, seine eigenen Hausaufgaben zu machen. Im vergangenen November hat das Kabinett eine nationale Biodiversitätsstrategie beschlossen, die die Chefin des Bundesamts für Naturschutz, Beate Jessel, mit den Worten kommentiert, sie komme „spät, aber umfangreich“. Darin enthalten sind messbare Ziele für den Schutz der biologischen Vielfalt. Das umstrittenste: Zwei Prozent der Landesfläche sollen bis 2020 der Wildnis überlassen werden. Eine Vorgabe, die vor allem bei Förstern auf wenig Gegenliebe stößt, schließlich sehen sie sich als Erfinder der nachhaltigen Bewirtschaftung von Wäldern ohnehin schon als Hüter der Artenvielfalt.

Kurz vor der Bonner Konferenz haben vier Bundesländer – Hessen, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern – gemeinsam bei der UN-Kulturorganisation (Unesco) die Anerkennung der deutschen Buchenwälder als Weltnaturerbe beantragt. Der Verbreitungsschwerpunkt liegt in Deutschland, „deshalb haben wir hier einen besonderen Schutzauftrag“, sagt Beate Jessel. Vor allem im hessischen Staatsforst bemühen sich die Förster schon seit 20 Jahren, ihre Wälder wieder naturnäher werden zu lassen. Mit Blick auf den Klimawandel ist das Anliegen sogar noch etwas drängender geworden, weil die Buche mit der Erwärmung besser zurechtkommen wird als die Fichte, wirtschaftlich immer noch der bedeutendste Baum im deutschen Wald.

Diese Bemühungen haben aber nicht verhindert, dass 33 Prozent der einheimischen Tier- und 26 Prozent der Pflanzenarten bestandsgefährdet sind. Lediglich 14,8 Prozent der Waldfläche bestehen aus Buchen, 9,6 Prozent aus Eichen. Das wären die vorherrschenden Bäume, wenn es in Deutschland noch ursprüngliche Wälder gäbe – über den Felsen hinaus.

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