Politik : Naturschutzverbände und Autolobby fordern gemeinsam schadstoffarme Kraftstoffe

Raphael Heinrich

Die braune Dunstglocke über dem sommerlichen Los Angeles war lange Zeit trauriges Markenzeichen der Metropole - bis letztes Jahr. 1998 verzeichneten die Gesundheitsbehörden die sauberste Luft seit über 40 Jahren; der Sommersmog war so gut wie verschwunden. Die Einwohner mussten dafür ihre geliebten Autos nicht stehen lassen. Die Regierung hatte einfach vom einen auf den anderen Tag die schadstoffärmere Zusammensetzung des Benzins verordnet. Die Industrie musste den Schwefelgehalt auf ein Dreißigstel reduzieren.

In Europa, besonders in Deutschland, macht man so etwas nicht. Zwangsverordnungen sind hier nur im Konsens zwischen den EU-Staaten möglich, und das dauert manchmal ewig. Die Einführung schadstoffarmer Kraftstoffe ist europaweit erst für 2005 verbindlich vorgesehen.

"Warum ändern wir in Deutschland nicht früher etwas?", fragt Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) - und eine ganz ungewöhnliche Allianz pflichtet ihm bei: Im neuen Bundespresseamt in Berlin sitzen Vertreter des ADAC und des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) am Dienstag in seltener Eintracht neben dem Repräsentanten der DUH und des Umweltbundesamtes (UBA); auch der Geschäftsführer von Greenergy Conti Deutschland GmbH, einem Unternehmen für umweltfreundlicheres Benzin, ist dabei. Ihre gemeinsame Forderung: Bis zum 1. Januar 2000 sollen schwefelarme, bis spätestens zum 1. Januar 2001 schwefelfreie Kraftstoffe in Deutschland steuerlich begünstigt werden. Nach den Vorstellungen der DUH müsste schadstoffarmer Sprit fünf bis sechs Pfennig weniger kosten als der herkömmliche Treibstoff.

Als Modell dient den Befürwortern Großbritannien: Hier hat eine im März 1998 eingeführte Begünstigung für schwefelarmen Diesel innerhalb eines Jahres zur kompletten Umstellung auf die umweltverträglichere Variante geführt. Auch die Finnen und Schweden tanken wegen ähnlicher Regelungen schon seit Beginn der neunziger Jahre vorwiegend saubereres Benzin, die Dänen tun es seit letztem Monat.

"Unsere europäischen Nachbarn warten nur auf uns", meint denn auch Axel Friedrich vom UBA: Die Einführung der neuen Kraftstoffe sei "längst überfällig", da diese nachweislich zur Luftverbesserung und Reduzierung des Sommersmogs beitrügen. Neben Friedrich schüttelt der Geschäftsführer von Greenergy, Peter Richter, zur Veranschaulichung ein Gläschen mit 200 Gramm leuchtend gelbem Schwefel - das ist die Menge, die ein Lkw beim Verbrauch schwefelarmen Diesels im Jahr ausstößt. Bei herkömmlichem Treibstoff sind es zehn Kilo. Schwefel schadet nicht nur dem Menschen, auch Autos leiden darunter. Grund genug für Dieter Klaus Franke vom ADAC, für das neue Benzin in die Bresche zu springen: "Schwefel verursacht kostspielige Reparaturen." Der Wechsel zu den saubereren Kraftstoffen sei zudem völlig unproblematisch, da kein einziges Auto umgerüstet werden müsse. Vorsorglich warnt Franke aber schon einmal vor höheren Benzinkosten. Für Gunter Zimmermeyer vom VDA ist die Einführung schwefelfreien Kraftstoffes gar eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Autoindustrie. Neue umweltfreundlichere Technologie könne nur mit besserem Benzin ihre Wirkung voll entfalten. "Wir können es uns nicht leisten, beim Umweltschutz Schlusslicht zu werden."

Die Forderung nach schnellstmöglicher Einführung der schwefelarmen bis schwefelfreien Kraftstoffe geht über die Verbände hinaus durch alle Parteien. Auch logistisch sieht der Fachmann von Greenergy für die Umstellung auf das neue Benzin kein Problem. So ist es nur die Mineralölindustrie, die nach Ansicht dieses außergewöhnlichen Bündnisses für Umweltschutz der schnellen Begünstigung des saubereren Sprits im Wege steht. Drei Interessengruppen gegen eine - was sollte Rot-Grün daran hindern, im September, wenn die Entscheidung ansteht, umweltpolitisch Vollgas zu geben? Jürgen Resch von der DUH meint es zu wissen: "Das Einzige, was noch fehlt, ist der klare Mut dazu, jetzt eine Entscheidung zu treffen."

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