Nebensachen vom Weltgipfel : "Alles ist improvisiert"

Unsere Redakteurin Dagmar Dehmer ist in Rio, um für den Tagesspiegel über den dritten Weltgipfel zu Umwelt und Entwicklung "Rio +20" zu berichten. Hier erzählt sie über die kleinen Dinge, die einen Gipfel erst groß machen.

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Rio vor dem Verkehrsinfarkt

Rio ist im Ausnahmezustand. Und dabei sind die meisten Delegationen noch gar nicht da. Am Montag hat die Vorkonferenz, also die letzte Verhandlungsrunde vor dem eigentlichen Gipfel begonnen - und schon sind die Staus noch länger als im ganz normalen städtischen Alltag. Wenn dann vom 19. Juni an die Staats- und Regierungschefs einschweben, wird es noch schwerer werden, sich in der Stadt zu bewegen.

Die Busse zum immerhin 40 Kilometer von der Innenstadt entfernten Kongresszentrum brauchen zwischen  eineinhalb und zwei Stunden dafür – und das sind nicht die schlimmsten Stoßzeiten. An den drei eigentlichen Gipfeltagen vom 20. bis 22. Juni haben die Kinder vorsorglich schulfrei bekommen. Und die Eltern sind gebeten worden, das Haus doch möglichst wenig zu verlassen, damit die Straßen frei sind, wenn die hochmögenden Gäste mit ihren Polizeieskorten zum Kongresszentrum rasen wollen, aber womöglich nicht können.

Wenn die Bewohner der Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt an die Fußballweltmeisterschaft in zwei Jahren und die Olympischen Spiele in vier Jahren denken, kommen sie aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. „Das ist doch kein Verkehrskonzept“, stöhnt eine Pfarrerin. Und fügt hinzu: „Alles ist improvisiert. Aber stattfinden wird es.“

Spannende Fossile

Bisher sind die „Fossile des Tages“ eigentlich nur auf Klimagipfeln verliehen worden. Doch die Allianz aus Nicht-Regierungs-Organisationen Tck-Tck-Tck, was so viel heißen soll wie Tick-Tick-Tick und die Uhr meint, die für einen wirksamen Klimaschutz rückwärts läuft und demnächst bei Null ankommt, hat diese schöne Tradition nun mit auf den Rio-Gipfel gebracht. Das erste Brikett, das ist die Auszeichnung, ging an die USA, weil sie wie immer gar keine Vereinbarungen über mehr Umweltschutz und globale Gerechtigkeit wollen. Das zweite Brikett ging am Freitag an Kanada, das damit die Sammlung der Fossilien mit weitem Abstand anführt.

Kein Land hat die Auszeichnung öfter verliehen bekommen – und nicht abgeholt. Die NGOs haben Kanada den Preis deshalb zugesprochen, weil das Land in den Verhandlungen selbst Prinzipien, die vor 20 Jahren beim ersten Erdgipfel in Rio schon beschlossen worden sind, aus den Dokumenten streichen lassen wollte.

Der kanadische Umweltminister Peter Kent hält den Preis für „politisch motiviert“ (was denn wohl sonst?) und wird von der Internetzeitung „Huffington Post“ mit dem folgenden Kommentar über die Verhandlungen zitiert: „Es ist frustrierend. Einige Länder wollen hier eine Umverteilung des Wohlstands“ erreichen und stellten sich den Rio-Gipfel offenbar als eine Art Geberkonferenz vor.

Ein deutscher Verhandler meinte nur: „Es wird richtig spannend.“ Na zumindest hat er seinen Humor noch nicht verloren.

 


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