Politik : „Nein zu Amerika, Nein zu Saddam“

Ohne die schiitische Bevölkerungsmehrheit geht im Irak nichts – doch sie boykottiert die Nachkriegskonferenz

Birgit Cerha[Beirut]

DER IRAK ZWISCHEN KRIEG UND FRIEDEN

In Ur, wo die Wiege der Kulturen stand, hätte sich nach den Wünschen der Amerikaner Iraks Schicksal entscheiden sollen. Während in der nahe gelegenen südirakischen Stadt Nassirijah tausende Schiiten gegen die US-Besatzung protestierten, fand am Dienstag in einem riesigen klimatisierten Zelt ein Treffen von rund hundert Politikern mit einer kleinen Gruppe von Amerikanern statt.

Das Treffen sollte nach den Worten Ari Fleischers, des Sprechers des Weißen Hauses, „ein kräftiges Signal für die Zukunft des Iraks“ aussenden. Doch schon zu Beginn stand fest, dass die Erwartungen unerfüllt bleiben würden. Deshalb auch war es nicht überraschend, dass man sich nach wenigen Stunden bereits wieder vertagte. Wichtige Persönlichkeiten der irakischen Opposition, insbesondere Ajatollah Bakir al Hakim, der Führer des schiitischen „Hohen Rates für die islamische Revolution im Irak“ (Sciri), reisten gar nicht erst an. „Wir können nicht akzeptieren, dass wir unter das Banner der USA oder irgendeines anderen Landes geraten“, begründet Hakims Bruder den Boykott. Auf der Straße vor der Versammlung brüllen schiitische Aktivisten „Nein zu Amerika, Nein zu Saddam, Ja zum Islam".

Das größte Problem bereitet den amerikanischen Organisatoren die Identifizierung von Personen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen repräsentieren und entsprechenden Einfluss haben. Außerdem haben die Iraker nicht nur Bedenken gegen die amerikanische Dominanz. Sie sind untereinander auch heillos zerstritten. Insbesondere reißt das Misstrauen zwischen den Daheimgebliebenen und den Exil-Oppositionellen einen tiefen Graben auf. So bezichtigen viele Iraker den vom Pentagon geförderten Ahmed Chalabi, den Chef des in London gegründeten „Irakischen Nationalkongresses“ (INK), nach vier Jahrzehnten des Exils der völligen Unkenntnis über die Verhältnisse im Irak.

Andererseits mussten die Briten rasch erfahren, dass selbst lokale Stammesführer, die über beträchtlichen Einfluss verfügten, in der Nach-Saddam-Ära umstritten sind. Der Versuch, die Kontrolle über die zweitgrößte Stadt des Landes, Basra, in die Hände von Scheich Muzahim Mustafa Tamimi, dem Führer eines der großen Stämme des Süd-Iraks, zu legen, stieß auf heftigen Widerstand.

Viele Iraker sehen im 80-jährigen ehemaligen Außenminister Adnan Pachachi den glaubwürdigsten Kandidaten für die Leitung einer Interimsregierung. Pachachi, der seit 1968 im Exil lebt, ist weder durch Nähe zum Diktator, noch zu den USA belastet. Er gründete vor wenigen Wochen eine Gruppe „Unabhängiger Iraker für Demokratie“ und setzt sich „für eine zentrale Rolle der Vereinten Nationen“ ein, die den Irakern bei der Bildung einer Übergangsregierung beistehen sollte – eine Position, die Washington nicht gefällt.

Nach US-Vorstellungen sollen der Konferenz in Ur, die in zehn Tagen fortgesetzt werden soll, eine Serie weiterer Treffen folgen, bei denen die Exil-Opposition und interne Führer unter US-Beobachtung die Gelegenheit zum Austausch über die Zukunft des Landes erhalten sollen. Aus diesen Treffen soll sich die Führung einer irakischen Interimsregierung herausbilden, und zwar schon in wenigen Wochen.

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