Neonazi-Überfall : Polizei räumt "Fehler und Pannen" ein

Nach dem Überfall von Neonazis auf eine Theatergruppe in Halberstadt hat die Polizei zahlreiche "Fehler und Pannen" eingestanden. Der Dienstgruppenleiter wurde inzwischen von seinem Posten entbunden.

Neonazi-Überfall in Halberstadt
Verletzt: Ensemblemitglied Junghans.Foto: dpa

HalberstadtNach dem brutalen Neonazi-Überfall auf eine Theatergruppe in Halberstadt in Sachsen-Anhalt hat die Polizei zahlreiche "Fehler und Pannen" eingeräumt. Der Hauptverdächtige sitzt in Haft. Der zuständige Dienstgruppenleiter wurde von seiner Position entbunden. "Der Einsatz war geprägt von einer Mehrzahl von Fehlleistungen", sagte Halberstadts Polizeipräsidentin Christiane Marschalk.

Ein Richter hatte Haftbefehl gegen den 22 Jahre alten mutmaßlichen Haupttäter erlassen, der unter anderem wegen Köperverletzung und Verwendens von Nazisymbolen vorbestraft ist. Nach dem Überfall am frühen Samstagmorgen hatte die Polizei zwar seine Personalien überprüft, ihn jedoch zunächst laufen lassen. Erst nach 40 Stunden wurde der 22-Jährige nach einer Fahndung gefasst.

Passanten hätten nicht geholfen

Opfer des Überfalls, die dem Ensemble des Nordharzer Städtebundtheaters angehören, hatten den Beamten auch vorgeworfen, sich zu lang mit ihren Personalien befasst zu haben, statt die insgesamt acht Täter zu stellen. Diese hätten sich zumindest teilweise noch in der Nähe des Tatortes aufgehalten. Zudem hätten Passanten den Überfallopfern nicht geholfen.

Marschalk sagte, die ersten Beamten seien eine Minute nach Alarmierung vor Ort gewesen. Sie hätten die Situation dort als "unübersichtlich" empfunden und nach eigenen Aussagen unterschätzt. "Eigentlich hätte ein Vorgesetzter die Maßnahmen koordinieren müssen. Das ist nicht passiert", sagte Marschalk. "Der hinlänglich bekannte Haupttäter hätte festgenommen werden müssen." Die polizeiinternen Ermittlungen in dem Fall würden fortgeführt.

Zentralrat: Polizei in Sachsen-Anhalt hat "strukturelles Problem"

 Der Zentralrat der Juden in Deutschland bezeichnete das Verhalten der Polizei als "erschreckend". Er habe nicht den Eindruck, dass sich die Polizei in Sachsen-Anhalt darüber klar sei, "dass eine Bewusstseinsänderung dringend notwendig ist", sagte Generalsekretär Stephan Kramer dem "Tagesspiegel". Er wolle die Beamten nicht pauschal als rechts abstempeln, doch offenkundig gebe es in der Polizei von Sachsen-Anhalt ein "strukturelles Problem".

Bei dem Angriff waren fünf von 14 Ensemblemitgliedern nach einer Premierenfeier brutal verprügelt worden. Die Opfer im Alter von 19 bis 32 Jahren erlitten Rippen- und Kieferverletzungen, Nasenbeinbrüche und Augenverletzungen. Einer befand sich am Montag noch im Krankenhaus. Auslöser für den Angriff war laut Polizei möglicherweise die Punkfrisur eines der Opfer. Nach den restlichen sieben Tätern wird weiter gesucht.

Gedenkfeier für getöteten Mosambikaner

Politiker aller demokratischen Parteien verurteilten den Überfall, kritisierten die Polizeipannen und forderten rasche Aufklärung. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) zeigte sich "entrüstet". Er sagte: "Wir müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass Rechtsextremisten immer brutaler auftreten." Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein, verurteilte den Angriff und kritisierte das Vorgehen der Polizei.

Mit einer Gedenkfeier wurde in Dessau an den gewaltsamen Tod des Mosambikaners Alberto Adriano vor sieben Jahren erinnert. Die Bevölkerung dürfe vor extremistischen Straftaten nicht in die Knie gehen, sondern müsse ihnen mit Zivilcourage und Entschlossenheit entgegentreten, sagte Sozialministerin Gerlinde Kuppe (SPD) in ihrer Gedenkrede. Der 39-jährige Familienvater Alberto Adriano war am 11. Juni 2000 in einem Park von drei Neonazis zusammengeschlagen worden. Adriano fiel ins Koma und erlag drei Tage später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

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