Neonazis : Anschläge mit Minibomben?

Zwei Neonazis wollten bei einem Aufmarsch in Berlin Sprengsätze zünden. Und das ist noch nicht alles, was ihnen vorgeworfen wird. Nun stehen sie in Aachen vor Gericht.

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Da sitzen im Saal des Aachener Landgerichts zwei Milchgesichter, die unbedarft und harmlos erscheinen. Der eine nuschelt, der andere sagt öfter „ich weiß nich“. Frisuren und Kleidung sind unauffällig. Und doch handelt es sich bei Falko W. (20) und Daniel T. (25) um mutmaßliche Straftäter, die als Mitglieder der Neonazi-Gruppierung „Kameradschaft Aachener Land“ Angst und Schrecken verbreitet haben sollen. Sogar im weit entfernten Berlin, so sagt es die Staatsanwaltschaft am Freitag zu Beginn des Prozesses bei der 1. großen Jugendkammer, wollten sie mit selbstgebastelten Minibomben Anschläge begehen.

Am 1. Mai 2010 sollen die Angeklagten zum rechtsextremen Aufmarsch in Prenzlauer Berg sechs Sprengkörper aus Böllern, Pappe und Glasscherben mitgebracht haben, um sie gegen Polizisten und Gegendemonstranten einzusetzen. Eine Zündung in der Nähe von Menschen hätte „ohne Weiteres zu letalen Folgen“ führen können, trägt Staatsanwaltschaft Jan Balthasar aus der Anklageschrift vor. Berlin entging offenbar nur knapp einem Horrorszenario.

Laut Anklage entledigten sich Falko W. und Daniel T. der Sprengsätze, als sie sahen, dass die Polizei vor Beginn des Aufmarschs die Teilnehmer intensiv kontrollierte. Die Polizei fand die Böllerbomben, nach umfangreichen Ermittlungen wurden Falko W. und Daniel T. im Spätsommer festgenommen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die beiden damals auch am Rande einer weiteren Neonazi-Demonstration Sprengkörper einsetzen wollten.

Doch das ist noch nicht alles, was Falko W. und Daniel T. vorgeworfen wird. In der Nacht zum 1. August sollen die beiden wie Vandalen durch Aachen gezogen sein. Laut Anklage wurde die Mauer des Jüdischen Friedhofs unter anderem mit Hakenkreuzen und dem Spruch „Den Juden den Gashahn aufdrehen“ beschmiert. Dann waren Parteibüros der Linken und der Grünen an der Reihe, es folgten die Werbetafel des Aachener Zeitungsverlags und die Rollläden der Wohnung eines Aussteigers aus der rechten Szene, der schon länger von Neonazis terrorisiert wird. Außerdem soll Falko W. im Mai 2010 zwei Brandflaschen gegen einen Treffpunkt von Autonomen geworfen haben.

Falko W. behauptet im Gericht, er habe sich von der rechten Szene gelöst. Und er wolle das Adolf-Hitler-Porträt, das er sich auf den Rücken tätowieren ließ, wieder loswerden. Er gesteht auch einiges, will aber keineswegs die Sprengkörper nach Berlin mitgenommen haben, um sie dort zu zünden. Was sollte denn damit passieren, fragt der Vorsitzende Richter, Gerd Nohl. „Weiß ich nicht“, sagt Falko W. Auch Daniel T. gibt sich in diesem Punkt eher unwissend. Zu den Schmierereien fällt ihm mehr ein, dann sogar eine Entschuldigung. Ende Februar soll der Prozess enden.

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