Politik : Nepal auf dem Weg zur Republik

Christine Möllhoff

Kathmandu - Die 84-jährige Asha Maharjan hat in ihrem Leben viel gesehen. Sie hat sechs Kinder geboren, wurde von fünf Königen regiert und hat den zehnjährigen, blutigen Aufstand der Maoisten gegen die Monarchie in Nepal erlebt. Seit sie nicht mehr gehen kann, verbringt die alte Frau, die nie lesen und schreiben lernte, ihre Tage zu Hause. Doch heute hat sie ihren besten Sari hervorgeholt, goldene Ohrringe angelegt und sich im Rollstuhl den 20-minütigen Weg zum Wahllokal in Kathmandus Ortsteil Pulchok schieben lassen. „Ich bin glücklich, dass ich an diesem Tag teilhabe“, sagt sie.

Erstmals in der Geschichte hat am Donnerstag das Volk in Nepal eine verfassunggebende Versammlung gewählt, die dem Land ein neues Gesicht geben soll. Von „Nepals Wiedergeburt“ sprachen Medien. Aus Sicherheitsgründen wurde der Privatverkehr von den Straßen gebannt, und wie in vielen Ländern Südasiens Alkohol, außer in Nobelhotels, verboten. In Kathmandu spazierten Jung und Alt zum Wählen. „Jeder ist aus dem Häuschen“, sagt die 35-jährige Aruna. „Wir schreiben heute Geschichte.“

Die Wahlen verdienen tatsächlich den Titel historisch. Sie sollen nicht nur das Ende der 240 alten Hindu-Monarchie, sondern auch das Ende des Bürgerkriegs besiegeln. Mehr noch: Trotz aller gewalttätigen Vorfälle im Wahlkampf schreibt der kleine Himalaya-Staat in Südasien mit seinen vielen Brandherden eine seltene Erfolgsstory: Friedlich entmachteten die Massen 2006 König Gyanendra, und die Maoisten legten die Waffen nieder.

Der wohl wichtigste Wähler hatte die Nummer 13802892. Erstmals seit 28 Jahren gab Ex-Guerilla-Chef Prachanda, der über Jahrzehnte Kugeln statt Wahlen propagierte, seine Stimme ab. Zumindest symbolisch zog er damit einen Schlussstrich unter seine Rebellenkarriere.

54 Parteien traten für die 601 Sitze an. Die Ergebnisse werden frühestens in drei Wochen erwartet. Nach ersten Schätzungen beteiligten sich mindestens 60 Prozent der Wahlberechtigten an der Wahl. Als Favoriten gelten die Kongresspartei und die linke UML. Die große Frage ist, wie die Ex-Rebellen abschneiden, die erstmals kandidierten. Die neue Regierung steht vor zahlreichen Problemen. Das Land ist bitterarm, von ethnischen Spannungen zerrieben. 19 000 Ex-Rebellen müssen wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Christine Möllhoff

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