Politik : Nepal: Das Dach der Welt macht seine Grenzen dicht

Gabriele Venzky

Auch am Dienstag herrschte in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu wieder Ausgehverbot. Die Regierung fürchtete eine Wiederholung der bürgerkriegsähnlichen Unruhen vom Montag, bei denen offiziell zwei, inoffiziell mindestens acht Menschen ums Leben gekommen und Hunderte verletzt worden waren. Es wird zum Sturz des am Montag gekrönten neuen Königs Gyanendra und der Regierung von G.P.Koirala aufgerufen, und die maoistischen Rebellen, die nach fünf Jahren "Volkskrieg" bereits in Dreiviertel des Landes präsent sind, verlangen nach einer "Volksregierung". Die Menschen wollen endlich die Wahrheit über das Blutbad vom Freitag, bei dem praktisch die gesamte königliche Familie umkam.

Niemand glaubt der Version von einem "Unfall", die vom Palast herausgegeben wurde. Die wildesten Gerüchte machen die Runde und auch die immerwährenden anti-indischen Ressentiments kochen neu hoch. Ob sich Königshaus und die überforderte unfähige Regierung halten können, hängt davon ab, ob nun schnellstens eine glaubwürdige Darstellung der Blutnacht geliefert wird. Bisher steht ja nicht einmal fest, wie viele Personen, neun oder zwölf, im Palast ums Leben kamen. Der neue König hat eine Untersuchungskommission eingesetzt, die innerhalb von drei Tagen einen Bericht vorlegen soll. Derweil sind die Grenzen geschlossen und der Flugverkehr eingestellt worden. Indische Zeitungen werden nicht mehr ins Land gelassen, indische Kabel-Fernsehsender wurden unterbrochen.

Bereits einen Tag nach seiner hastigen Krönung wurde deutlich, dass der neue König Gyanendra auch nicht entfernt das Vertrauen der Bevölkerung genießt, das sein ermordeter älterer Bruder hatte. Im Gegenteil: Offen wird die Frage diskutiert, wieso er als einziger der wichtigsten Familienmitglieder bei dem blutigen Mahl nicht anwesend war, wieso sein Sohn Paras Shah, ein berüchtigter Rowdy und Krimineller, unverletzt entkam und warum seine Frau Komal, eine Schwester der getöteten Königin, nur ganz leicht verletzt wurde.

König Gyanendra ist nicht beliebt. Der stockkonservative Monarch ist nicht in der Lage, wie ein ruhender Pol die schwierige Balance zwischen parlamentarischer Demokratie und konstitutioneller Monarchie zu bewahren, was sein Bruder tat. Gyanendra ist einer der reichsten Männer Nepals. Was die Leute besonders aufregt ist die Aussicht, dass Sohn Paras Shah nun Kronprinz wird, ein Mann, der schon mehrere Menschen totgefahren hat. Auch der in der ersten Version als Mörder der Königsfamilie dargestellte Kronprinz Dipendra, der tödlich verletzt zwei Tage als Koma-Patient König war, hatte schwere Alkohol- und Drogenprobleme. "Aber gegen Paras war er eine kleine Nummer", sagen die Leute jetzt.

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