Netanjahu vor der Wahl : Die Tücken des Erfolgs

Viele glauben vor der israelischen Parlamentswahl an einen Sieg von Amtsinhaber Benjamin Netanjahu. Genau das könnte ihm aber wichtige Stimmen kosten - und die Nationalisten in Israel stärken.

Gil Yaron
Am Dienstag bestimmen 5, 6 Millionen Menschen die neue Knesset, Israels Parlament. Netanjahus Partei Likud wird wohl die stärkste Fraktion stellen.
Am Dienstag bestimmen 5, 6 Millionen Menschen die neue Knesset, Israels Parlament. Netanjahus Partei Likud wird wohl die stärkste...Foto: Reuters

Wie viele Mittelmeeranrainer diskutieren Israelis gern, laut und am liebsten über das, was man hier „hamazav“ nennt: die Lage. Gemeint sind damit die politischen Probleme. Kurz vor den Wahlen müssten also entsprechende Debatten den Alltag der Menschen dominieren, steht das Land doch vor gewaltigen Herausforderungen. Diese reichen von der Gefahr einer iranischen Atombombe über die stockenden Friedensverhandlungen mit den Palästinensern bis zum neuen Haushaltsdefizit in Höhe von umgerechnet acht Milliarden Euro. Nicht zu vergessen die sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich. Dennoch beherrschen selbst kurz vor den Parlamentswahlen am 22. Januar oft ganz andere Themen die Diskussionen. Vergangene Woche genügte eine Schlechtwetterfront, um den Wahlkampf für mehr als 36 Stunden völlig vergessen zu machen. Angesichts des Glatteises auf Jerusalems Straßen galt die Abstimmung über die künftige Zusammensetzung der Knesset bereits als Schnee von gestern. Und eine Casting-Show, in der ein deutscher Einwanderer, eine Muslima und eine Frau aus armen Verhältnissen im Finale um die Wette kochen, fesselt die Israelis offenkundig mehr als die Entscheidung über die nächste Regierung. „Noch nie war ein Wahlkampf so parve, so lau“, sagt der erfahrene arabische Politiker Ahmad Tibi.

Das liegt zum einen daran, dass gut 80 Prozent der Bevölkerung überzeugt sind, Premier Benjamin Netanjahu werde wieder vorn liegen. Seit Monaten sagen Umfragen einen Wahlsieg seiner Partei Likud voraus. Selbst in der linken Opposition streitet man mehr darüber, unter welchen Bedingungen man sich zu Netanjahus Koalition hinzugesellen sollte als sich von ihr abzusetzen. Zum anderen misslang es den Gegnern des Premiers, ihre Themen in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte zu rücken.

Eine Ursache dafür: Die Vorsitzenden der drei Parteien waren mehr mit sich selbst und gegenseitigen Beschimpfungen beschäftigt als mit Netanjahu. Star-Moderator Yair Lapid zum Beispiel gründete lieber eine eigene Partei, nur um nicht in der Arbeitspartei die zweite Geige spielen zu müssen. Deren Vorsitzende Shelli Jechimovitz konzentrierte ihren Wahlkampf wiederum auf Themen wie soziale Marktwirtschaft und Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Ohne nennenswerten Erfolg: Statt des erhofften Zulaufs verarmter nationalistischer Wähler kehrten ihr die Anhänger des Friedenslagers den Rücken.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben