Netanjahus "Bibi Bumm"-Rede : Israels durchschaubare Kampagne gegen Iran

In seiner Rede vor der UN-Generalversammlung stellt Israels Ministerpräsident eine Behauptung auf, die in ihrer Fragwürdigkeit der Begründung des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush für den Irakkrieg sehr nahe kommt

Charles A. Landsman
„Gesichter der Macht“, eine Ausstellung des griechischen Fotografen Platon Antoniou in der Photokina in Köln, zeigte 2012 einträchtig nebeneinander die Porträts des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad (li.) und von Israels Premier Netanjahu.
„Gesichter der Macht“, eine Ausstellung des griechischen Fotografen Platon Antoniou in der Photokina in Köln, zeigte 2012...Foto: M.Meissner/dapd

Die Rede des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu vor den Vereinten Nationen am Donnerstag wird in Israel als „Bibi Bumm“ in die Geschichte eingehen. Starkolumnist Nachum Barnea überschrieb damit seinen Kommentar auf der Titelseite der Tageszeitung „Yedioth Ahronoth“, die elektronischen Medien übernahmen diesen Begriff prompt. Netanjahu habe die Zeichnung einer Bombe gezeigt, die wie aus einem Comic für kleine Kinder wirkte, so dass sich unbedarfte Zuschauer vor der Explosion, dem „Bumm“ fürchten mussten. Und so habe es Netanjahu nicht dank seiner Worte, sondern dank einer simplen Comiczeichnung weltweit auf die Titelseiten der Printmedien und in die TV-Nachrichten geschafft. Was für ihn persönlich möglicherweise wichtiger war, so einige Kritiker, als der Inhalt seiner Rede. Die Bewertung des „Gimmicks“ reichte in der israelischen Presse von überflüssig und unnötig über infantil bis hin zum kritiklosen Lob seiner Gefolgsleute.

Doch Netanjahu hat in seiner Rede weit mehr geboten als nur ein fragwürdiges Ausrufezeichen; wer die Zeichnung genauer betrachtet, erkennt zunächst einmal eine Behauptung, die in ihrer Fragwürdigkeit der Begründung des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush für den Irakkrieg sehr nahe kommt: Wurden damals detailliert die in Wirklichkeit nicht existierende Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins beschrieben, so ist es bei Netanjahu nun das angeblich bereits auf 70 Prozent angereicherte Uranium, obwohl bisher alle Experten von höchstens 20 Prozent sprachen. Da fehle nicht mehr viel zu den 90 Prozent, bei denen Netanjahu einfachheitshalber seine „rote Linie“ zog. Obwohl es erwiesenermaßen auf 93 Prozent angereichertes Uranium braucht, um Atomwaffen herstellen zu können.

Für wen ist die „rote Linie“ überhaupt gezogen worden, fragen zumindest Teile von Israels Medien. Und kommen zum Schluss: für Netanjahu selbst und für Israel. Nicht aber für die USA, deren Präsident Obama es auch in seiner UN-Rede bewusst unterlassen hat, praktische oder zeitliche Limits zu nennen. Und natürlich auch nicht für den Iran, der unbeeindruckt seine Atomrüstung vorantreibe.

Benjamin Netanjahu und US-Präsident Barack Obama sind sich über den Zeitpunkt eines möglichen militärischen Schlages gegen den Iran uneinig. Ronen Bergman, anerkannter Sicherheitsexperte, beschreibt den Unterschied so: Laut Netanjahu müsse der Iran bereits gestoppt werden bei einem niedrigen Grad der Urananreicherung für militärische Zwecke; Obama hingegen vertrete die Ansicht, erst wenn der Iran die Produktion von Atomwaffen konkret in Angriff nehme, militärisch dagegen vorzugehen sei.

Nach der Rede Netanjahus müsste sich in Washington dennoch Beruhigung ausbreiten. Denn Obama fürchtete bis Donnerstag einen provokativen Alleingang Netanjahus, der in der heißesten Wahlkampfphase den amerikanischen Präsidenten gezwungen hätte, Israel in jeder Beziehung beizustehen, obwohl er Netanjahus Vorgehen strikt ablehnt. Ein alleiniger israelischer Angriff in diesem Zeitraum ist nun vom Tisch. Netanjahu sprach erstmals von sechs bis neun Monaten als letztem möglichen Termin für einen erfolgreichen Militärschlag gegen Irans Atomanlagen. Bisher hatte Netanjahu auf einer „kurzfristigen“ Lösung durch Israels Luftwaffe bestanden.

Netanjahus Nachgeben in zeitlicher Hinsicht gilt als Zeichen für seine Einsicht, dass nicht sein persönlicher Freund Mitt Romney die Wahlen gewinnen wird, sondern dass er sich nach dem 6. November mit einem wiedergewählten Obama auseinandersetzen muss.

Viele Politiker und Kommentatoren sind sich einig, dass sich Netanjahus Auftritt mit Zeichnung an leichtgläubige Massen in den USA gerichtet hatte. Auf die israelischen Wähler, die seine Rede auf allen nationalen Fernsehkanälen direkt zur besten Sendezeit verfolgen konnten, dürfte sie aber kaum Einfluss haben. Die politischen Analytiker hielten aber auch fest, dass Netanjahu das wirklich existenzielle Problem Israels, nämlich den Konflikt mit den Palästinensern, in seiner Rede nur am Rande erwähnt hat.

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