Politik : Nett und versöhnlich – das war gestern

US-Präsident Barack Obama muss seine Strategie im zweiten TV-Duell ändern.

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Washington - In den zwölf Tagen seit ihrem ersten Aufeinandertreffen hat sich die Lage gedreht. Vor dem ersten Fernsehduell am 3. Oktober lastete der ganze Druck auf dem Republikaner Mitt Romney. Damals führte Barack Obama in den landesweiten Umfragen mit mehr als drei Prozentpunkten und hatte in den meisten der wahlentscheidenden Swing States einen klaren Vorsprung. Romney brauchte eine Wende – und er hat sie sich mit seinem energischen und offensiven Auftritt in der TV-Debatte erkämpft. Obama wirkte blass, müde und uninspiriert.

Vor dem zweiten Duell in der Nacht zu Mittwoch (2.50 Uhr, live in der ARD) liegt der Druck auf Obama. Er muss herausragend abschneiden, um den Trend zu wenden. Der spricht momentan eindeutig für Romney. Der gute Eindruck im Fernsehen hat ihn nicht nur kurzfristig, sondern nachhaltig gestärkt. Tag für Tag konnte man in den nationalen Erhebungen ablesen, wie sein Rückstand auf Obama kontinuierlich schmolz und sich schließlich zu einer Führung von durchschnittlich 1,3 Prozent wendete.

Diese Dynamik ist auch in den Swing States zu beobachten. In Florida, North Carolina und Missouri hat Romney nun einen komfortablen Vorsprung. In Ohio, das wohl den Ausschlag gibt, hat sich Obamas Führung halbiert. In Virginia ist sie so knapp, dass der Staat jederzeit die Seite wechseln könnte. In Colorado, das wegen seines hohen Latino-Anteils wie ein verlässlicher Schutzwall für Obama erschien, liegt plötzlich Romney knapp vorn. Michigan, New Hampshire und Pennsylvania, die vor der ersten Debatte Obama zugerechnet wurden, gelten nun als Staaten mit ungewissem Ausgang.

Wären heute Wahlen und würde überall so abgestimmt, wie das die Umfragen ausweisen, dann würde Obama nach Wahlmännerstimmen noch immer ganz knapp siegen. Aber beim „popular vote“, der Summe aller abgegebenen Stimmen, läge er hinter Romney. Anders gesagt: Obama muss den Trend brechen.

Damit stellen sich zwei Fragen: Warum konnte es überhaupt so weit kommen, dass der unvorteilhafte Eindruck in einer einzigen TV-Debatte womöglich die Wahl entscheidet? Und was muss Obama tun, um wieder auf die Siegerstraße zu gelangen?

Obamas Strategie ergibt sich aus den Gründen für das schlechte Abschneiden vor zwölf Tagen: Er wirkte zu passiv, er und seine Berater hatten sich für die falsche Strategie entschieden. Weil er führte, wollte er nicht attackieren, sondern nett und versöhnlich wirken. Obama trug damals keinen der Angriffe vor, mit denen er gewöhnlich punktet: Romney sei ein abgehobener Multimillionär, der kein Gespür für die Alltagssorgen einfacher Bürger habe. Er zahle auf 20 Millionen Dollar Einkommen pro Jahr nur einen ermäßigten Steuersatz von 14 Prozent. Und seine angebliche Wirtschaftskompetenz beruhe auf seinem Erfolg als Investmentmanager. Den hätten aber viele Arbeiter der Firmen, die Romney sanierte, mit der Entlassung bezahlt. Was Romney als Erfolg verbuchte, sei also nicht automatisch gut für Amerika gewesen.

Als Vizepräsident Joe Biden in der Nacht zum vergangenen Freitag mit Romneys Vize Paul Ryan debattierte, sprach er all diese Kritikpunkte an. Das Duell endete unentschieden. Biden bremste die Wendedynamik im Präsidentschaftsrennen. Also wird auch Obama sein Heil in der Offensive suchen.

Aber wird das reichen? Amerika erlebt ein außergewöhnliches Wahljahr mit einer untypischen Psychologie. Die Enttäuschung über die Wirtschaftslage sitzt tief, das Misstrauen gegen beide politische Lager ist groß. Die Mehrheit der Amerikaner möchte eigentlich weder Barack Obama wiederwählen noch Mitt Romney an seine Stelle setzen. Gewinnen wird derjenige, der weniger Bedenken auslöst. Deshalb konnte die Stimmung so leicht kippen.

In den drei Wochen zwischen den beiden Parteitagen und der ersten Fernsehdebatte unterliefen Romney manche Peinlichkeiten. Obama ging deutlich in Führung. Dann aber hinterließ er im ersten TV-Duell einen schlechten Eindruck. Sein Siegerimage war verloren, nun zog er die Zweifel auf sich. Selbst mit einem guten Abschneiden in der zweiten Debatte wird er den alten Favoritenstatus nicht zurückerobern. Er hat die unangenehme Aufgabe, die Wähler davon zu überzeugen, dass sie Romney noch viel mehr misstrauen sollten als ihm, dem Präsidenten. Das kann auch nach hinten losgehen.Christoph von Marschall

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