Netzpolitik : „Es passiert im Internet Gesellschaft“

Bei einer Diskussionsrunde zur Rolle des weltweiten Netzes vor der Wahl resümieren Netzumtriebige und Wissenschaftler Deutschlands ersten Web2.0-Wahlkampf

Jan Oberländer

Der Wahlabend, 20.10 Uhr: Diskussionsrunde zum Thema „Die Wahl im Internet“. Viel Kritik am Online-Wahlkampf der Politik. Barbara Pfetsch, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin, sagt, die Wahlkampfstäbe der Parteien hätten das Web 2.0 zwar drauf, in den Köpfen der Politiker sei das neue Medium aber noch nicht angekommen. Sie könnten mit der Interaktivität noch nicht so gut umgehen.

Das liegt, sagt der Blogger Sascha Lobo, daran, dass die Politik größtenteils noch nicht erkannt hat, dass sich eine „Digitale Gesellschaft“ gebildet hat. Sein Beispiel ist eine Kinderfrage. Der kleine Sohn eines Bekannten habe diesen kürzlich gefragt: „Papa, wie ist man eigentlich ins Internet gekommen, als es noch keine Computer gab?“

Lachen, gute Geschichte. Und eine, die zeigt, dass da eine ganze Genereration „online sozialisiert wurde – und wird“. „Es passiert im Internet Gesellschaft.“ – das hätten die Politiker nicht verstanden, und deshalb auch nicht verstanden, wie junge Leute funktionieren.

Das zeige sich auch an der „falschen Internetpolitik“ der Parteien. Prof. Stefan Marschall, Mitentwickler des „Wahl-O-Maten“, stimmt zu. Über eine Million Menschen hätten die Piratenpartei gewählt, deren Hauptthema und Hauptkompetenz das Internet ist. Da sollten die Parteien nachdenklich werden – auch Lobo spricht in diesem Kontext von einem „Warnschuss“ für die etablierten Parteien.

Fazit? Die Parteien sind einige Schritte in Richtung Internet gegangen. Im digitalen Zeitalter aber sind sie – mit wenigen Ausnahmen – noch nicht angekommen. Neben den Piraten erwähnen nur die Grünen das Internet in ihrem Wahlprogramm. Hier muss umgedacht werden, da sind sich alle Experten in der Runde einig.

Übrig bleibt nur die Frage: Wo beginnen? Stefan Marschall bringt es auf den Punkt: „Das Internet sollte politisch nicht mehr nur unter dem Stichwort ‚Kinderpornografie’ behandelt werden.“ Auf die Chancen zu sehen – darin liegt auch die Chance für die Politik, die Wähler der Zukunft zu erreichen. 

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