Neu-Amerika : Tapfere neue Welt

In den Vereinigten Staaten müssen sie noch zwei Tage darauf warten – in Deutschland haben sie es längst: das neue Amerika. Es liegt im Erzgebirge, es ist nicht groß, doch man findet viel Erstaunliches hier. Pioniergeist zum Beispiel

Torsten Hampel
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Das älteste Haus im Ort. Ein ehemaliger Gasthof.Foto: Torsten Hampel

Der Präsident raucht Camel, er sitzt in seinem Büro, das eckig ist, und erinnert sich an die unerfreuliche Sache mit der Immobilie.

Ein paar hundert Meter entfernt, ein anderer Mann, er läuft durch den Korridor im Haus für die Neuankömmlinge aus Überland, er ist zuständig für sie. Er sagt: „Für manche ist es das Paradies bei uns, für manche aber auch die Hölle.“

Ein Dritter, der Ururenkel des Siedlers, der allem hier den Namen gab, schläft noch, doch bald wird er sich auf den Weg zu seinem Lieferwagen machen. Mit dem fährt er dann die „Freie Presse“ aus.

Es wird Nacht in Neu-Amerika.

Neu-Amerika, Obererzgebirge, über 140 Jahre alt, längst also tatsächlich vorhanden, während sie in den Vereinigten Staaten noch ein paar Tage darauf warten müssen. Abgelegener Ortsteil der Kleinstadt Schlettau, ein Präsident, Einwanderung, Freiheit der Rede, alles da. Eine Schweinemast, ein Holzhändler, Telekom-Schaltstation, Fußballplatz, ein aufgegebener Gasthof. Elf amtlich gemeldete Einwohner.

Neu-Amerika. Wäre es nicht dunkel draußen, der Präsident in seinem Büro mit dem rechteckigen Grundriss könnte aus dem Fenster schauen und die beiden Worte lesen. Gegenüber, 50 Meter entfernt, an der Gasthoffassade, sind sie angebracht. Es ist das älteste Haus hier, das Haus jenes Siedlers, der auf die Idee mit dem Namen kam. Der Präsident hat gekämpft um das Haus, seine Leute hatten es einst gemietet und wiederhergerichtet, fünf Jahre lang hatten sie gebaut, „schlaflose Nächte, das ging auch ans Private“, sagt er. Am Ende hat er verloren, er musste es hergeben und ein neues bauen.

Der Präsident telefoniert jetzt. Er wählt, wartet, sagt: „Hier ist der Stern von Neu-Amerika.“

Sternitzky, Peter, 51 Jahre alt, Präsident des ESV Buchholz Sachsen e. V., Eisenbahnersportverein, auf seiner Reise in die Vergangenheit, spricht mit seinem Vorgänger. Er braucht ein paar Auskünfte darüber, wie es begonnen hat hier und was seitdem passiert ist. Alt-Amerika wählt, und da hat ihn jemand darauf gebracht, wieder ein bisschen der Geschichte des neuen, hiesigen hinterherzuforschen. Sternitzky weiß selbst Einiges darüber, aber nicht alles, und die Berichte und Aufzeichnungen, die es gibt, sind widersprüchlich.

Sternitzky hat das Telefon am Ohr und hört zu. Er hört von der Vereinsgründung im Jahr 1921 und der Zuweisung eines Schuttplatzes zum Trainieren, vom Pachtvertrag, den der Verein im Jahr 1936 mit dem Wirt des Gasthofs von gegenüber abschloss, für den Acker, der ein Fußballfeld werden sollte. Er hört vom Mietvertrag für den Gasthof selbst, 1963, vom Umbau zum Sportlerheim, vom bitteren Rauswurf ein Vierteljahrhundert später. Und er hört noch einmal von jener historischen Begebenheit, die jeder hier in Neu-Amerika kennt, die aber ebenfalls jeder in einer eigenen Version erzählt. Die der „Obererzgebirgischen Zeitung“ vom 25. März 1928 kommt der Wahrheit vielleicht am nächsten. Sie geht sie so:

„Adolf Lang … hatte … in strenger Lehrzeit das Müller- und Bäckerhandwerk erlernt. Auf seiner Wanderschaft – damals war ja das Wandern Pflicht eines jeden Gesellen – war er auch an das ,große Wasser’ nach Hamburg gelangt. Manch Auswandererschiff sah er dort von dannen ziehen, und mit sehnsüchtigen Blicken schaute er ihnen nach. Gern hätte auch er sich das Land überm Meere drüben besehen und durchwalzt, allein ihm fehlte es am Nötigsten, am Reisegeld. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als in der deutschen Heimat auszuhalten.

Nach einigen Jahren Fremde kehrte er ins Erzgebirge zurück … griff zu und erwarb im Jahre 1865 ,Köhlers Gasthof’. Soweit war er mit dem Kaufe zufrieden, nur der Name seines neuen Heims missfiel ihm; der musste geändert werden. Noch immer war die Sehnsucht nach Amerika in ihm lebendig, und das jetzt von ihm erworbene Gasthaus sollte ihm ein tröstender Ersatz sein für das, was er nicht hatte erreichen können, er nannte es deshalb ,Neu-Amerika’.“ Ein Ersatz also, Trost. Adolf Lang, der Mann, der fort wollte in die neue Welt und nur bis zu einer einsamen Fichtenwaldlichtung im Erzgebirge kam.

Alle, die danach herzogen, sahen das anders. Pioniergeist, dachten die. Und sie wollten selbst welche sein, Pioniere, man sollte es schon von weitem sehen. Rasch wurden noch zwei Häuser gebaut, man war nun Siedlung, groß genug, um Ortsteil zu sein, der bekam den Namen von Langs Gasthaus.

Und noch heute – die Lichtung ist weiter geworden und die Straße über sie hinweg lauter – schreiben ihn die Firmengründer hier auf ihre Hauswände. Der Holzhandel heißt so, die Biogasanlage der Schweinemast, das Tierheim. „Der Name verbindet“, sagt Sternitzky.

Auch sein neues Sportlerheim, getrennt vom alten durch das Fußballfeld, ein sehr langgezogener, in Holz gekleideter Bungalow mit Ausschank, Umkleidekabinen und Präsidentenbüro, heißt wieder so. „Der Name ist hier draußen eine Verpflichtung“, sagt Sternitzky. Wagemut, Eigeninitiative, Freiheit und so. Das schätzen sie hier sehr.

Früher war das nicht anders. Im Gasthof hing jahrzehntelang ein Segenswunsch, gerahmt und hinter Glas, Lang, dem Eroberer, und dessen Nachfahren gewidmet.

„Grüß Gott, lieb ,Neu-Amerika’!

In frischem Kleide stehst du da.

Auf lichter Höh’, an Feldes Rand,

Im weiten erzgebirgischen Land.

Gott schütze Euch in diesem Haus

Und die da gehen ein und aus.

Ein jeder geh’ zufrieden fort

Und kehr’ zurück an diesen Ort!“

Sternitzky steht auf, setzt sich wieder, steht wieder auf. Er macht den Eindruck eines Mannes, den man vollgepumpt hat wie einen Fußball, Hochdruck, er bläst die Backen auf und lässt Luft raus, hält sich selten irgendwo lange auf, bei keinem Thema – so viel Zeit hat er nicht –, an keinem Ort, nicht einmal auf einem Stuhl. Dabei hat er einen sehr schönen Stuhl. Drehstuhl, schwarzer Kunstlederbezug, mit weit nach oben reichender Rückenlehne. Er steht am Kopfende des Büros, davor ein Tisch zum Schreiben und zwei zum Besprechen, er sieht aus wie ein Thron. Sternitzky – wenn er denn ausdauernd darauf säße – würde nun seit elfeinhalb Jahren auf diesem Thron sitzen. So lange ist er der Chef hier.

Er zieht sich die Jacke übers Hemd und geht raus, das Flutlicht einschalten, „400 000 Euro teuer“, sagt er. Das Abendtraining beginnt gleich, die ersten Spieler kommen. „Ich hab die Alleinherrschaft, aber ich hafte eben auch, persönlich.“ Die Leute vom ESV haben das meiste hier selbst gebaut, aber neben dem Flutlicht mussten sie auch Etliches anschaffen. Rasenmäher zum Beispiel, aus den USA. Die schneiden das Gras mit Scheren statt mit Messern, „ist viel besser, hab ich über Ebay“, sagt Sternitzky. Oder die Maschine, die die weißen Markierungen auf den Rasen bringt, „Nassmarkierungsfahrzeug, teuer, biologisch abbaubare Farbe. Besser als Kalk oder Kreide, die verzuckern den Rasen, geht er ein.“ Noch längst ist nicht alles abbezahlt.

An die Rückseite von Sternitzkys Sportlerheim grenzt ein schmaler Streifen Fichtenwald. Dahinter, auf der nächsten Lichtung, befindet sich jener Ort, der Paradies ist oder Hölle, je nachdem. Neu-Amerikas Ellis Island, das Einwandereraufnahmelager. Es ist das Tierheim. Der mächtige Mann, der hier gerade durch den Korridor läuft, heißt Klaus Graupner, er ist 49 Jahre alt. Er ist der Chef des Hauses wie Sternitzky der des ESV, auch er hat zusammen mit seinen Leuten das Allermeiste hier selber gebaut, auch er fühlt sich wie sein Nachbar der Freiheit verpflichtet. Das Tierheim hat eine große Auslaufwiese für die Hunde, und es gibt Freiwillige, die tagsüber mit ihnen durch den Wald spazieren gehen. Doch Graupner sagt: Die Kehrseite der Freiheit, „das Resultat, das merken Sie hier auch“.

Graupner läuft in sein Arbeitszimmer. Es ist gefliest, weiß, braun, grau, durcheinander, die Fliesen sind Spenden von Handwerkern aus der Gegend, Reste. Was für Tiere es sind, die hier abgegeben werden? „Vor allem leichtfertig angeschaffte“, sagt Graupner, die werden dann wieder genauso leichtfertig hergebracht. Derzeit anwesend: 27 Hunde, 38 Katzen, 40, 50 Kleintiere, ein Pferd.

Es ist mehr geworden seit der Kreisreform in diesem Sommer, vier Landkreise wurden zu einem, „seitdem kommen unsere Neuen auch von sehr weit her, weil die Leute glauben, dass wir die einzigen sind, die jetzt zuständig sind.“ Graupner wünscht sich ein bisschen mehr Zwang, staatliche Regulierung. Ein Gesetz zum Beispiel, das allen Hundeanschaffwilligen einen Eignungstest vorschreibt, bevor sie in die Zoohandlung einkaufen gehen dürfen. Oder ein wenig mehr Härte beim Tierschutz allgemein. Das Gesetz gibt es längst, nur kontrolliert und bestraft werde nicht genug.

Im Arbeitszimmer klingelt das Telefon. Graupner nimmt ab, hört zu, fragt: „Wie alt ist sie denn?“ – Hört wieder zu, sagt: „Sie sind wohl verrückt, ’ne Katze mit 15 Jahren ins Tierheim!?“ – „Die blind ist?“ – „Was, die tut nur so?“ – „Ins Heim kommt die nicht. Ich such’ jemand Privates.“ – „Haben Sie ein Foto?“ – „Sie werden doch wohl jemanden haben, der Ihnen mal ein Foto …“

Für das Tier wäre Neu-Amerika eindeutig die Hölle, es ist voll im Heim, es ist laut, und es gibt immer mal wieder Revierkämpfe hier.

Vor Graupner auf dem Tisch liegt eine Liste. Hundenamen. Teddy, Sandor, Herkules, Astor, Runa, Bessy, die werden bald ihr Glück machen, aufbrechen, weiterziehen, ihre Vergangenheit vollends hinter sich lassen. Das Fernsehen kommt nächste Woche, eine Heimtiervermittlungssendung vom Mitteldeutschen Rundfunk, da werden die sechs präsentiert. Das Fernsehen war schon einmal da, vor ein paar Jahren, und das Interesse an Graupners Tieren danach war riesig.

Es ist spät geworden. Matthias Lang, 52, Adolf Langs Ururenkel, ist aufgewacht, gleich beginnt seine Schicht. 200 Kilometer fährt er jede Nacht, von Mitternacht bis fünf, hinten im Lieferwagen stapelweise Zeitungen, die „Freie Presse“ aus Chemnitz, er bringt sie nach Schlettau, in die Nachbarstadt Annaberg-Buchholz und in die Dörfer ringsum. In hellen Nächten kann er den Scheibenberg sehen, einen Tafelberg drei Kilometer von Schlettau entfernt. Er erinnert entfernt an die Berge im Monument Valley.

Matthias Lang sagt, er habe Pech gehabt. Neu-Amerika, der Gasthof, das Haus, gehört ihm nicht mehr. 1989, nachdem die Langs den Mietvertrag mit dem Sportlerheim auslaufen ließen, hat er wieder eine eigene Gaststätte daraus gemacht. Neuerwachter Unternehmergeist nach der Wende, Erbgut. „Lief gut“, sagt er, dann, knapp zehn Jahre später, kam die Scheidung, Langs Frau bekam das Haus. Konnte oder wollte den Gasthof nicht weiterführen, „weiß ich nicht“, sagt Lang.

„Neu-Amerika“ also, das Haus der Langs, es bröckelt. Die ersten Schindeln sind schon vom Dach gefallen. Doch die anderen beiden, Sternitzky und Graupner, bauen weiter. Der eine an seinem Superfußballfeld, mit dem er längst noch nicht zufrieden ist, der andere am Tierheim. Bald wird dort ein neuer Pferdestall fertig. Und falls das Geld wieder einmal nicht reicht, sie haben ja jeder zwei gesunde Hände, sagen sie, sie haben Vereinsmitglieder. „Verpflichtung“, hatte Sternitzky gesagt. Der Name Neu-Amerika ist nun einmal in der Welt. Er soll aus ihr auch nicht mehr verschwinden.

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