Politik : Neubeginn im Zelt

Die SPD ist glücklich über das Ergebnis – auch wenn es noch einmal nach unten ging

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Spitze Kandidatin. Die SPD in NRW feiert Hannelore Kraft, die zumindest eines schaffte – Schwarz-Gelb zu kippen. Foto: ddp
Spitze Kandidatin. Die SPD in NRW feiert Hannelore Kraft, die zumindest eines schaffte – Schwarz-Gelb zu kippen. Foto: ddpFoto: dpa

Das kleine weiße Zelt, das sie vor der SPD-Zentrale in Düsseldorf aufgebaut haben, wird wohl in der Erinnerung an diesen Wahlabend bleiben. Es herrscht Fußballstimmung. Vor dem Fernseher haben sich Jusos versammelt, die die SPD-Fahne schwingen und abwechselnd lauthals „Schade, Rüttgers, alles ist vorbei“ skandieren oder im Zickezacke-Stil nach Hannelore Kraft rufen. Dass die Stimmung bei den Sozialdemokraten nicht schlecht werden würde, war abzusehen. „Aber dass es so kommt, hätte ich nie gedacht“, war ein Satz, der immer wieder fiel. Denn zwei Überraschungen hatte der frühe Wahlabend für die SPD bereit: stärkste Kraft, möglich, und Rot-Grün, könnte auch sein. Wenn auch hauchdünn.

Aber das störte erst einmal niemanden. Denn die Stimmung im Zelt war eine Wendestimmung. Frenetisch ist der Jubel, als Hannelore Kraft, die Spitzenkandidatin, das Zelt betritt. Sie muss durch den Hintereingang, weil vorne kein Platz mehr ist. Verdeckt von Kameras und Fotografen steht sie auf der Bühne. Die Jusos schwingen immer noch ihre Fahne. „Die SPD ist wieder da“, ruft Kraft mit aller Energie, die ihr in der Stimme liegt. Der Satz, auf den alle gewartet haben. Denn in Nordrhein-Westfalen, wo die SPD vor fünf Jahren nach 39 Jahren in der Regierung abgewählt und das Ende von Rot-Grün im Bund besiegelt wurde, könnte der Wiederaufstieg der Partei beginnen. Dass es – nüchtern betrachtet – noch einmal nach unten ging für die SPD, interessiert in diesem Moment kaum jemanden.

Es sind andere Zahlen, die sie optimistisch stimmen. Im Vergleich zur CDU sollen doppelt so viele Arbeiter SPD gewählt haben. Das ist nicht nur ein Rückschlag für „Arbeiterführer“ Jürgen Rüttgers, sondern vor allem Balsam für die Seele der nordrhein-westfälischen SPD. Das Herz pocht wieder. Und natürlich geht der Blick bei den meisten nach vorn. Welche Koalitionen sind möglich? Was wird überhaupt aus diesem Abend, der zwar eine Richtung hat, aber kurvenreich ist? Die Genossen bangen. Auch im Landtag. Immer mal wieder fällt ihr Blick auf die Laufbänder der TV-Sender, in denen die aktuellsten Hochrechnungen zu sehen sind. Mal sind sie vorn, mal nicht. Mal langt es für Rot-Grün, mal nicht. Selbst Schwarz- Grün ist nicht ausgeschlossen. „Unglaublich“, heißt es immer wieder.

Aber es gibt auch einige, die zurückblicken. Sehr herb war die Niederlage 2005. Aber sie hatte womöglich ihr Gutes. „Diese Niederlage war wichtig für die SPD“, sagt ein Genosse. „Das war der Moment, als die, die so lange dabei waren und für die alte SPD standen in den Ortsvereinen und auf Landesebene, von wichtigen Posten gingen und wir einen Neuanfang starten konnten – das hat geklappt.“ Hannelore Kraft ist eine, die für diesen Neuanfang steht. Dabei war sie selbst noch Ministerin in der 2005 abgewählten rot-grünen Landesregierung. Aber sie musste ran, als die Partei am Boden lag.

Viel wurde ihr nicht zugetraut. Ein Wahlerfolg für Rüttgers schien Formsache zu sein. Dann kam der Sonntagabend, und Kraft zieht als Siegerin von Interview zu Interview. Sie spricht davon, dass sie „Verantwortung für das Land übernehmen“ will. Ab und zu schafft sie es, Gratulationen entgegenzunehmen. Dann wird sie geherzt und geküsst. Kraft wirkt aber keineswegs euphorisch. Schließlich wusste sie selbst nicht so genau, was sie eigentlich gewonnen hat. Die SPD stärkste Kraft? Rot-Grün? Ministerpräsidentin? Oder doch wieder Opposition? „Du schaffst das“, rufen ihr einige zu. Schwarz-Gelb in Nordrhein-Westfalen zu kippen, das hat sie mindestens geschafft. Und das kleine Zelt, das vielleicht einmal symbolische Bedeutung für eine neue Zeit in der SPD haben wird, hat sie auch noch in Begeisterung versetzt.

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