Politik : Neudeck fordert mehr Risikobereitschaft und Engagement (Interview)

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An Ihrer Arbeit überrascht das Tempo. Warum greifen Sie immer so schnell ein?

Es gibt einen sehr persönlichen Grund: Die eigene Vertreibung vergisst man nie. Man erlebt die Bilder der eigenen Vergangenheit. Zudem lassen wir uns nicht aufhalten von Zuständigkeiten und Bedenkenträgern.

Beim Kosovo-Einsatz gab es Kritik, Sie hätten die Unvorsichtigkeit der hastig zurückkehrenden Kosovaren unnötig unterstützt.

Der Vorwurf bedeutet mir wenig. Das Subjekt der Rückkehr waren nicht wir. Wir konnten nur ein wenig Öl auf das Feuer gießen. Ich konnte mir allerdings nichts Besseres vorstellen, als das zu tun, wenn ich gesehen habe, wie begeistert die Menschen darüber waren, dass sie selbst ihr Zelt mitnehmen durften aus den scheußlichen Lagern.

Ein weiterer Vorwurf lautet, Sie hätten sich durch die Kosovo-Aktion finanziell saniert.

Spendenaktionen sind Plebiszite. Ich kann meine Gesellschaft nicht dafür verurteilen, dass sie nach all den Jahren dieses große Vertrauen hat. Wenn das Geld ungeschmälert dort ankommt, wo es hin soll, dann kann mir der Vorwurf gestohlen bleiben.

Können Sie sich vorstellen, zur Krisenprävention mit staatlichen Stellen zu kooperieren?

Ich kann mir das nicht vorstellen. Und ich bin schon misstrauisch, wenn ich von offizieller Politik höre, dass sie von Prävention quatscht. Das ist ein Wort der politischen Korrektheit. Es ist etwas, was nie eingelöst wird, sondern nur schön klingt. Ich glaube nicht, dass wir schon an der Schwelle des Berges angelangt sind, dessen Besteigung zuallererst den Beginn von Präventionspolitik bedeuten könnte.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz zum zwanzigjährigen Bestehen von Cap Anamur aus?

Wie man in meiner ostdeutschen Heimat sagte: Geburtstag hat jede Kuh. Wichtig ist, was danach kommt. Ich ziehe eher eine Bedenkenbilanz: Ich befürchte, dass unsere Gesellschaft nicht mehr richtig herauskommt aus den staatlichen Versicherungsscharnieren. Risiko wird immer mehr etwas, was moralisch, juristisch, verwaltungstechnisch nicht erlaubt ist. Wenn sich die jungen Leute aber auf Risiko nicht mehr einlassen, dann können wir unsere Arbeit nicht mehr tun. Wir können zum Beispiel beim Aufbau im Kosovo nicht zunächst Statik-Experten beauftragen. Wir müssen herausspringen aus der Ordentlichkeit dieser Gesellschaft.

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