Politik : Neue Allianz am Hindukusch

Pakistans Militärchef steigt zur Schlüsselfigur auf und signalisiert eine Wende in der Afghanistan-Politik

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Starker Mann. Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani – hier beim Besuch des Swat-Tals nach einer Offensive gegen die Taliban – bestimmt mittlerweile die Außenpolitik Pakistans. In Afghanistan setzt er nicht mehr auf die Ex-Verbündeten Taliban. Foto: dpa
Starker Mann. Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani – hier beim Besuch des Swat-Tals nach einer Offensive gegen die Taliban –...Foto: picture-alliance/ dpa

„Wie ein Schulmädchen“ habe US-Außenministerin Hillary Clinton gekichert, als sie mit ihrem pakistanischen Amtskollegen Shah Mehmood Qureshi in Washington vor die Presse trat, stichelte die indische Zeitung Mail Today. Und die Wirtschaftszeitung Mint sprach indigniert von einem „wahren Fest der Liebe“. Alarmiert verfolgt Indien derzeit, wie der Erzrivale Pakistan zum neuen US-Günstling aufsteigt.

Selten haben Washington und Islamabad so miteinander poussiert wie dieser Tage. Gleich für eine Woche weilte eine Topdelegation aus Pakistan jüngst in Washington. Frohgemut legte sie eine 56-seitige Wunschliste vor – und Washington zeigte sich wohlwollend. „Pakistans Kampf ist unser Kampf“, schmeichelte Clinton, die noch vor einem Jahr den Atomstaat dämonisiert hatte, nun den Gästen.

Mit romantischen Gefühlen hat die neue Allianz allerdings wenig zu tun. Es geht um handfeste Machtinteressen. Washington und Islamabad sind dabei, auszubaldowern, wie man den Krieg in Afghanistan beenden kann – und beide wollen ihren Einfluss sichern. Pakistan reklamiert, die Friedensverhandlungen mit den Taliban zu führen.

Zur Schlüsselfigur im großen Endspiel am Hindukusch steigt immer mehr Pakistans schweigsamer Armeechef Ashfaq Parvez Kayani auf. So führte nicht etwa Präsident Asif Ali Zardari die Delegation in die USA an, sondern Kayani. Der Ex-Chefspion, der sich bisher im Schatten hielt, hat faktisch die Außenpolitik des Atomstaates übernommen. Von einem verkappten Coup zu sprechen, wäre verfehlt. Die Zeichen deuten daraufhin, dass Washington Kayani drängt, das Heft des Handelns zu übernehmen. Zum einen haben die Amerikaner erkannt, was jeder in Südasien weiß: dass in Pakistan das Militär das Sagen hat. Zum zweiten scheinen die USA die Geduld mit der zivilen Regierung zu verlieren.

Tatsächlich ist diese bisher den Beweis schuldig geblieben, dass sie das Land aus der Misere führen können. Die meisten Politiker sehen Politik als Geschäft an. Präsident Asif Ali Zardari schrumpft zum Grüßonkel. Der Bhutto-Witwer verbietet lieber per Gesetz das Witzemachen über sich als sich mit Terror und anderen leidigen Problemen zu belasten.

Dagegen ist Kayani, der als Grübler und Stratege gilt, gefragt wie nie. US-Vertreter geben sich bei ihm die Klinke in die Hand. „Kayani ist der wichtigste Mann“, sagte US-Verteidigungsminister Robert Gates nun. Bei einer seiner seltenen Pressekonferenzen signalisierte Kayani im Februar eine bemerkenswerte Kehrtwende. Bislang hatte Pakistan vor allem auf die Taliban, die alten Verbündeten, gesetzt, um seinen Einfluss im Nachbarland Afghanistan zu sichern. Diese setzen allerdings Pakistan inzwischen selbst mit blutigen Terrorwellen immer mehr zu. Nun erklärte Kayani, dass Pakistan vor allem ein „friedliches und freundliches Afghanistan“ wünsche – und keine erneute Talibanisierung des Landes. Damit erweiterte Kayani clever den Kreis möglicher Verbündeter am Hindukusch – über die paschtunischen Taliban hinaus. Es gibt Gerüchte, dass Pakistans Geheimdienst ISI bereits Kontakte zur tadschikischen Nordallianz aufgenommen hat, die bisher Indien näher stand.

Die Strategie Kayanis deckt sich mit Plänen der USA, die gerne eine „pluralistische“ Regierung in Kabul wollen, was immer das konkret heißt. Bereits heute dominieren Tadschiken die Armee, obgleich die Paschtunen die größte Volksgruppe Afghanistans stellen. Auch einen Nachfolger für Afghanistans Präsidenten Hamid Karsai hat Pakistan angeblich bereits im Auge: Der ISI soll Mushafa Zahir Shah, einen Enkelsohn von König Zahir Shah, gebeten haben, eine Regierung in Kabul zu bilden.

Damit steuern Pakistan und die USA allerdings auf Gegenkurs zu Karsai – und in Teilen auch zu Europa. Hinter den Kulissen kracht es. So wollen die USA und Pakistan die Gespräche mit den Taliban dominieren, um ihre Bedingungen für die Nachkriegszeit zu diktieren. Ungeniert sabotierten sie nun die Friedensinitiativen von Karsai und der UN – und schnappten ihnen einfach die Verhandlungspartner weg. So nahmen der pakistanische Geheimdienst ISI und sein US-Counterpart CIA jüngst gemeinsam ausgerechnet den Taliban-Kommandeur Mullah Abdul Ghani Baradar in Karachi fest. Die Nummer zwei der Taliban führte geheime Gespräche mit Karsai, den UN sowie europäischen Ländern, darunter angeblich auch Deutschland, über Verhandlungen.

Mit Segen Washingtons wird Baradar nun von Pakistan unter Verschluss gehalten. Der frühere UN-Sondergesandte für Afghanistan, Kai Eide, der einer der Unterhändler war, zeigte sich empört. „Die Gespräche sind gestoppt.“ Auch der deutsche Sondergesandte, Bernd Mützelburg, scheint verärgert. In Delhi lieferte er sich bei einer Diskussion einen Schlagabtausch mit einem US-Vertreter.

Vor allem Karsai muss die USA fürchten. Sie haben den Paschtunen schon länger im Visier, womöglich, weil er bei ihren Plänen nicht mitspielt. Die USA wollen dauerhaft Militärbasen am Hindukusch unterhalten – auch als Drohgebärde gegen den Iran. Karsai hat sich kaum verhohlen dagegen gewandt. Sollte es ihm ernst mit dem Nein sein, dürften die USA alles tun, ihn zu demontieren. Karsai wappnet sich bereits – und bandelt offen mit Iran und China an.

Bei seiner nur sechsstündigen und bisher einzigen Stippvisite in Kabul behandelte US-Präsident Barack Obama seinen afghanischen Amtskollegen geradezu rüde. Obamas Besuch habe vor allem den US-Truppen gegolten, betonten seine Sprecher – also nicht Karsai. Nach einem Treffen rüffelte Obama zudem erneut, Karsai komme im Kampf gegen Korruption und Drogenhandel nicht voran.

Die Vorwürfe wirken vorgeschoben. Tatsächlich hat es vor allem die Internationale Gemeinschaft versäumt, den Drogenanbau von Anfang an im Keim zu ersticken. Karsai, damals ein Präsident ohne funktionierenden Polizei- und Armeapparat, hatte keine Chance. Und der Korruption sieht die Internationalen Gemeinschaft seit Jahren tatenlos zu. Ganz abgesehen davon, dass es auch unter Ausländern massenhaft Absahner gibt.

Als Verlierer fühlt sich derzeit Pakistans alter Rivale Indien. „Die Alarmglocken hätten schrillen sollen, als Neu Delhi von der Londoner Afghanistan-Konferenz ausgeschlossen wurde“, ärgert sich die „Mail Today“. Für Indien, eines der großen Geberländer am Hindukusch, war dies ein Schlag ins Gesicht. Die Wirtschaftszeitung „Mint“ rät der indischen Regierung, sich von den USA abzusetzen. Dagegen kann Kayani zufrieden sein: Pakistan steht vorerst gestärkt da.

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