Neue Anlaufstelle : Beratung für misshandelte Ex-Heimkinder

Hilfe bei Entschädigungsfragen und Anträgen bietet eine neue Einrichtung in Berlin-Friedenau.

Lilly Busch

Berlin - Ehemalige Heimkinder haben seit Donnerstag auch in Berlin eine Anlauf- und Beratungsstelle. Die im Stadtteil Friedenau angesiedelte Anlaufstelle richtet sich an Menschen aus beiden Teilen Berlins, die als Kinder in den Jahren 1949 bis 1975 in deutschen Jugendheimen lebten und bis heute unter den gesundheitlichen und psychischen Folgen der Heimerziehung leiden. Aus einem bundesweit eingerichteten Fonds, der zu je einem Drittel von Bund, Ländern und Kirchen finanziert wird, können Betroffene seit Anfang dieses Jahres finanzielle Unterstützung beantragen. 120 Millionen Euro stehen zur Verfügung, davon 1,1 Million Euro für das Land Berlin.

In den vergangenen Jahren war aufgedeckt worden, dass viele Heimkinder unter der von Unterordnung und Strafe bestimmten Erziehung in den 50er und 60er Jahren Misshandlungen erdulden mussten. Der „Runde Tisch Heimkinder“ hatte 2010 in seinem Abschlussbericht zu einem Entschädigungsfonds geraten. In der Bundesrepublik wuchsen bis zum Jahr 1979 bis zu 800 000 Kinder und Jugendliche unter drastischen Bedingungen in kirchlichen und staatlichen Heimen auf. Gerechnet wird bundesweit mit mindestens 30 000 Anspruchsberechtigten.

Die Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Sandra Scheeres (SPD), eröffnete die Berliner Beratungsstelle. Sie bezeichnete die Einrichtung als wichtigen Treffpunkt, der dazu beitrage, erlittenes Unrecht zu bewältigen. Der notwendige weitere Dialog könne gefördert werden und das Wissen über die Geschehnisse der damaligen Zeit in die Öffentlichkeit tragen. Die Beratungsstelle stehe ab Mai auch ehemaligen Heimkindern aus der DDR offen, betonte Scheeres.

Opferverbände äußerten Kritik am Fonds. Peter Henselder, Vertreter der „Berliner Regionalgruppe für ehemalige Heimkinder“, wies darauf hin, dass von einer zu geringen Zahl Anspruchsberechtigter ausgegangen werde und die Entschädigung behinderter Heimkinder kaum berücksichtigt sei. Er kritisierte, dass der Fond vor allem Unterstützung in Form von Therapien und Sachentschädigungen vorsehe. Da die meisten Betroffenen heute im Rentenalter seien, sei dies nicht bedarfsgerecht. Aufgrund unterdrückter Bildungschancen in der Kindheit litten ehemalige Heimkinder oft unter Altersarmut, daher sei eine monatlicher Opferrente von 300 Euro oder eine einmalige Barzahlung von 56 000 Euro angemessen, sagte Henselder. Rund 400 Menschen wollen den Rechtsweg für höhere Entschädigungen notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beschreiten. Lilly Busch

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