Politik : Neue Besen aus Amerika

Von Alfons Frese

-

Ob das Zufall ist? Einen Tag nach der Bundestagswahl kündigt Siemens den Abbau von 10000 Arbeitsplätzen an; eine Woche nach der Bundestagswahl verschärft sich die Lage bei VW, im Kostenpoker um ein neues Auto und mithin 1000 Arbeitsplätze gibt die IG Metall schließlich nach. Und jetzt auch noch Mercedes. Zehn Tage nach dem 18. September teilt der Vorstand das bevorstehende Aus für 8500 Arbeitsverhältnisse in Deutschland mit. Kommt also nach der Wahl das Großreinemachen, das rücksichtslose Wegräumen von Arbeitnehmern, damit die Kosten sinken und die Margen steigen?

Die Börse sieht das so. Nachdem Daimler die Streichaktion verkündete, stieg der Aktienkurs um knapp vier Prozent. Überhaupt ist die Gelegenheit günstig für unpopuläre Maßnahmen, denn die Öffentlichkeit schaut nach Berlin und nur nebenbei nach München, Wolfsburg und Stuttgart.

Je brachialer das Vorgehen, desto wichtiger der Zeitpunkt. Seit Monaten bereiten die VW-Chefs ihre Mitarbeiter in Interviews auf harte Zeiten vor. Und die Berichte über Bordellbesuche einiger VW-Betriebsräte haben die Suche nach einem günstigen Zeitpunkt gewiss erleichtert. Bei Daimler-Chrysler aber ist die Ausgangslage anders. Dort gibt es seit dem 1. September einen neuen Mercedes-Chef, der nach dem Motto verfährt, „die größten Grausamkeiten begeht man zu Beginn der Amtszeit“. VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard scheint ein schrittweises Verfahren zu bevorzugen, während Mercedes-Boss Dieter Zetsche überzähliges Personal auf einen Schlag und mit knapp einer Milliarde Euro aus der Firma rauskaufen will.

Aber auch VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder hat schon vor Wochen angekündigt, in Deutschland „mehrere tausend“ Arbeitnehmer über Abfindungs- und Altersteilzeitregelungen zum Ausscheiden bewegen zu wollen. Das verwundert nicht: Die Probleme von Mercedes und VW sind ähnlich strukturiert. Wie übrigens auch die handelnden Personen und deren Instrumente.

VW und Mercedes könnten mit der vorhandenen Zahl an Fabriken und Arbeitskräften viel mehr Fahrzeuge bauen, als sie zurzeit herstellen. Die Manager hatten geglaubt, sie würden mehr Autos verkaufen. Vom VW Golf und von der Mercedes C-Klasse zum Beispiel. Aber Japaner, Franzosen und Koreaner bauen inzwischen auch gute Autos. Die sind nicht unbedingt besser als Golf oder C-Klasse, aber sie sind in jedem Fall günstiger und haben womöglich auch weniger Pannen.

Zetsche und Bernhard haben gemeinsam Chrysler saniert. Sie haben Fabriken verkauft oder geschlossen, fast 40000 Arbeitsplätze wegrationalisiert, die Produktivität erhöht und neue Modelle auf den Markt gebracht. Mit Erfolg. Auf dem verrückten US-Markt – wo sich General Motors und Ford mit enormen Rabatten wechselseitig in die Krise gestürzt haben und die Asiaten, Toyota an der Spitze, einen Marktanteil nach dem anderen erobern – hält sich Chrysler gut.

Wegen des Erfolgs in Amerika sitzen Zetsche und Bernhard an der Spitze der populärsten deutschen Firmen. Ihr Auftrag ist klar: Sie sollen die Wettbewerbsfähigkeit und Selbstständigkeit von Mercedes-Benz und Volkswagen sichern, durch die Entwicklung neuer Autos und auch den Abbau von Arbeitsplätzen. Völlig unabhängig von Wahlterminen und dem Geschehen in der Politik. Bernhard und Zetsche sind neu und fegen jetzt aus. Hoffentlich erwischen sie die Richtigen. Wie sagt doch Wolfgang Bernhard: „Treppen kehrt man von oben.“

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben