Politik : Neue Chancen für den Osten

Von Antje Volmer

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Meine Idee, entvölkerte Regionen in Ostdeutschland, aber nicht nur dort, zu neuem Leben zu erwecken, durch eine Einladung an Menschen, sich dort eine neue Heimat zu schaffen, hat Richard Schröder nach eigener Aussage verwirrt. Es mag sein, dass Ideen, die jenseits etablierter Problemlösungsmuster liegen, verwirren. Denunzieren muss man sie trotzdem nicht.

Die Unterstellung von Richard Schröder, ich wolle im Osten Ghettos sozialhilfeempfangender Ausländer schaffen, ist absurd. Es geht mir ganz im Gegenteil um die Frage, ob die östlichen Bundesländer gerade in ihrer Eigenart Attraktivität für Menschen entfalten könnten, die aus ihrer Heimat verdrängt werden. Menschen, die in Gemeinsamkeit bereit sind für einen Neuanfang, der von Eigeninitiative und Gestaltungswillen geprägt ist.

Könnte nicht für den einen oder anderen Ministerpräsidenten der Begriff gesteuerte Zuwanderung genau diese Gestalt neuer Chancen annehmen? Nach einer jahrzehntelangen quälenden Debatte herrscht heute weitgehende Übereinstimmung darüber, dass Deutschland die Zuwanderung motivierter und qualifizierter Menschen braucht.

Warum ist es nicht denkbar, Zuwanderung auch als Gruppenphänomen zu betrachten? Wem hierzu nichts anderes einfällt, als „Achtung: Ghetto!“ zu schreien, dem mangelt es an der Phantasie, die gebraucht wird, wenn der Osten unserer Republik und außerdem Teile des Westens tatsächlich blühende Landschaft werden sollen.

Bei einer Reise nach Zentralasien habe ich jüngst erfahren, dass die deutschen Minderheiten, die zu Zeiten der Sowjetunion und in den 90er Jahren massenhaft auswanderten, dort heute umworben und geachtet werden. Manche Aussiedler kehren sogar nach Tadschikistan oder Kasachstan zurück. Mit ihren Kenntnissen der deutschen Sprache und der deutschen Verhältnisse sind sie in Staaten, die sich nach Westen orientieren, gefragt. Sie sind nicht nur Brücke nach Deutschland, sondern auch Bürgerinnen und Bürger, deren Anteil am Aufbau einer neuen Gesellschaft geschätzt wird.

Kehren wir diese Beobachtung für Deutschland um: Mit der Osterweiterung der Europäischen Union stehen wir vor einem langwierigen Integrationsprozess. Warum nicht Botschafter und Botschafterinnen aus den neuen Mitgliedsländern nach Deutschland einladen? Als Brücke nach Osten und als „Produktivkraft“ in Gegenden Deutschlands, die heute zu veröden drohen.

Der 9. November 1989 war ein Glückstag für Deutschland. Zweierlei haben wir seitdem gelernt: Der Prozess, in dem zusammenwächst, was zusammengehört, dauert länger als wir dachten. Und: Die mit der Wiedervereinigung entstandenen Strukturbrüche können nicht nur mit konventionellen Aufbaukonzepten geheilt werden.

Die Autorin ist Mitglied der Grünen und Vizepräsidentin des Bundestages. Sie schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Wolfgang Schäuble (CDU) und Richard Schröder (SPD).

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