Neue Familienpolitik in Deutschland : Nur nicht hetzen

SPD-Chef Sigmar Gabriel hat die überforderte Familie zum gesellschaftlichen Thema gemacht. Wo liegt das Problem, und wie will die Politik dem begegnen?

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Weihnachtsidylle 1961. So entspannt soll's wieder werden.
Weihnachtsidylle 1961. So entspannt soll's wieder werden.Foto: Ullstein

Das Phänomen ist im Prinzip so alt wie die Menschheit, sein Ausmaß allerdings nimmt weltweit rasant zu: Wer nicht mehr Kind ist und noch nicht Rentner, auf den prasseln die Herausforderungen des Lebens konzentriert ein. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht in der Anhäufung von Stress in wenigen Lebensjahrzehnten eine der wichtigsten Krankheitsursachen moderner Gesellschaften. Die Politik sucht seit Jahrzehnten nach Wegen, die Lage der „Sandwich-Generation“ der 25- bis 55-Jährigen zu erleichtern – eingekeilt zwischen Kinderbetreuung, Geldverdienen und der Pflege der Älteren. Auch in der schwarz-roten Bundesregierung ist, ohne dass es bisher richtig deutlich wurde, ein Wettlauf um das attraktivste Angebot an diese wichtige Wählergruppe im Gange. Doch Sigmar Gabriel hat das verdeckte Rennen jetzt eröffnet: „Die SPD muss der Anwalt dieser ,gehetzten‘ Generation werden“, sagte der SPD-Chef vorige Woche im Tagesspiegel-Interview.

Wer gehört der „gehetzten“ Generation an?

Gabriel kennt diese „gehetzte Generation“ sehr gut – er gehört schließlich dazu. Seit seine Tochter Marie auf die Welt kam, versucht der 55-Jährige so oft wie möglich auch in der Woche daheim in Goslar zu übernachten. Und jeden Mittwoch springt er mittags in den Zug, um die fast Dreijährige aus dem Kindergarten abzuholen, während seine Frau in ihrer Zahnarztpraxis Sprechstunde hat.

So ähnlich wie dem Vizekanzler und Wirtschaftsminister geht es vielen Dauergestressten. Betrachtet man die Statistiken, steigt ihre Zahl weltweit an – allein schon deshalb, weil immer mehr Menschen in den riesigen Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien aus traditionellen in moderne Lebensmuster wechseln.

Das Leben in traditionellen Gesellschaften mit ihrer schweren körperlichen Arbeit und der Not als ständigem Begleiter ist im Wortsinn knochenhart. Aber es steckt nicht nur falsche Romantik und Jammerei auf zentralgeheiztem Komfort-Niveau dahinter, wenn Bürger moderner Wohlstandsgesellschaften auch ihr Leben oft als Zumutung empfinden. Der moderne Mix aus Tempo, Erwartungsdruck und Anspruch an sich selbst schafft eine ganz besondere Art von Dauerstress. Er ist bei den Top-Kräften in Wirtschaft und Gesellschaft gut sichtbar. Doch auch Durchschnittsverdiener und Arbeitslose leiden darunter.

Woher kommt der Stress?

Die „Sandwich-Generation“ geistert zwar seit mehreren Jahrzehnten durch Presse und Wissenschaft. Im strengen Sinne gehören ihr aber nur sehr wenige Menschen an: dass jemand in seiner Wohnung wirklich Kinder und Alte zugleich betreut, betrifft nur ein, zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Selbst wenn man den Blick etwas weitet, stecken nicht viele im Sandwich fest. Die Alten werden zwar im Moment ständig mehr, aber sie leben auch länger und gesünder als ihre eigenen Eltern. Viele werden so erst Pflegefälle, wenn die Enkel schon lange aus dem Haus sind.

Gabriels Begriff von der „gehetzten Generation“ ist unschärfer, aber zugleich genauer. Er umfasst mehr als den Spezialfall des Drei-Generationen-Sandwichs. Gehetzt fühlen sich auch der kinderlose Single und das mittelalte Doppelverdiener-Paar. Die Techniker Krankenkasse (TK) hat 2013 versucht, das Phänomen etwas präziser zu erfassen. Die Umfrage-„Studie zur Stresslage der Nation“ gibt zugleich Hinweise darauf, an welchen Punkten Abhilfe ansetzen könnte.

Der Generalbefund war klar: Ein Viertel der Befragten sah sich selbst als dauerhaft gestresst, jeder dritte litt öfter unter der Belastung. Fast zwei Drittel bejahten die Frage, dass es in den letzten drei Jahren für ihn schlimmer geworden sei.

Am lautesten klagte hier die Gruppe der 18- bis 25-Jährigen. Das ist kein Wunder: Belastung in Ausbildung oder Beruf führt die Liste der Stressfaktoren an, gefolgt von „hohen Ansprüchen an sich selbst“, privaten Konflikten und der Krankheit eines nahen Menschen. Die Sorge um Geld, Kindererziehung und Pflege eines Angehörigen nannten vergleichsweise weniger Menschen als Stressauslöser.

Auffällig sind Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Wo die Männer Ausbildung oder Job als besonders belastend empfinden, sehen sich die Frauen stärker durch eigene Ansprüche unter Druck. Da schlägt der Spagat zwischen Familie und Beruf durch. Deutlich erkennbar ist auch eine zeitliche Kurve: Der Anteil der Gestressten steigt bis zur Lebensmitte ständig an, ab 45 geht er langsam zurück, bis er unter Rentnern auf immerhin noch jeden Vierten sinkt.

Als Hauptursachen des Stress-Hauptauslösers Arbeitsplatz erwiesen sich zu viel Arbeit, Termindruck und ständige Störungen. Auch hier zeigt sich aber wieder der bekannte Geschlechterunterschied: Männern machten die Arbeitsbedingungen mehr zu schaffen, Frauen zu wenig Anerkennung ihrer Leistungen.

Doch die Studie weist auch ein paar Befunde auf, die mit gängigen Problembeschreibungen nicht ganz zusammenpassen. So störte schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie nur bei einem Viertel der Befragten den Seelenfrieden. Und die Frage, ob sie trotz aller Probleme glücklich seien, bejahte eine überwältige Mehrheit der Befragten. Nicht einmal zehn Prozent kreuzten an, dass sie ernsthaft mit ihrem Schicksal haderten.

Trotzdem wären sicher viele dankbar für mehr Hilfe gerade in den „mittleren Jahren“, in denen die Belastungen in Beruf und Familie zusammenkommen. Wer sich glaubwürdig zu ihrem Anwalt machen könnte, darf auf Applaus von vielen Seiten hoffen.

Wieso geht Gabriel gerade hier voran?

Mindestlohn, Rente mit 63, Doppelpass, Frauenquote – die SPD hat im ersten Jahr der großen Koalition ihre zentralen Versprechen aus dem Bundestagswahlkampf 2013 erfüllt und die wichtigsten Projekte abgearbeitet. Gebracht hat ihr das bekanntlich wenig. In den Umfragen liegt sie wie festgefroren bei 25 Prozent. Will die Partei bei der Bundestagswahl 2017 eine Chance auf das Kanzleramt haben, braucht sie neue Wähler über das verbliebene Stammpublikum hinaus.

Da lohnt ein Blick zurück. 2013 schnitt die SPD bundesweit in der Gruppe der 25- bis 44-Jährigen besonders schlecht ab. Nach der internen Wahlanalyse von infratest dimap für das Willy-Brandt- Haus kam sie bei den Jüngeren nur auf 22 Prozent – noch 3,7 Prozentpunkte unter dem mageren Gesamtergebnis von 25,7 Prozent. Ganz anders die Union: Sie wurde von 38,5 Prozent der 35- bis 44-Jährigen gewählt. Für die SPD ist es zentral wichtig, dass das nicht so bleibt.

Wie soll die Rückeroberung der Jüngeren konkret vonstatten gehen?

Am Anfang, das wusste schon der CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, steht die Lufthoheit über die Begriffe. Wer das richtige Etikett für ein Projekt findet und es sich selbst anheftet, hat viel gewonnen. Die „gehetzte Generation“ könnte das leisten.

Ob der Begriff es weiter bringt als bis zur einmaligen Weihnachtsbotschaft, ist allerdings nicht ausgemacht. Denn es gibt eine Art Konkurrenzprodukt. Als sich das schwarz- rote Kabinett vor Jahresfrist zur Klausur im Schloss Meseberg traf, riefen Kanzlerin Angela Merkel und Gabriel danach gemeinsam das Projekt „Gut leben“ aus: Die Regierung wolle beim Volk selbst erkunden, was für die Menschen ein gutes Leben ausmache. Am Ende soll ein Katalog stehen, der die wichtigsten Projekte für mehr Lebensqualität ausweist; und zwar so, wie die Leute das sehen und nicht irgendein Forscher oder Politiker.

Ein Projekt der ganzen Regierung – konkret angesiedelt und konzipiert allerdings im Kanzleramt. Am Ende könnte es also wieder die Kanzlerin sein, die für ihre CDU die Lorbeeren dieser Bürger-Beteiligung allein einsammelt. Mit diesem „The winner takes it all“-Effekt hat die SPD ja leidvolle Erfahrung.

Welchen Stellenwert hat die Familienpolitik bei der SPD?

Die Sozialdemokraten brauchen ein eigenes Feld, um sich bei den 30- bis 50-Jährigen als Anwalt zu profilieren. Gabriel sieht die Familienpolitik als zentralen Schlüssel dazu. Es geht da um eine Rückeroberung: Moderne Politik für Familien war einmal SPD-Markenzeichen, bis Ursula von der Leyen das Feld für die CDU mit Beschlag belegte. Jetzt soll Manuela Schwesig als Chefin im Familienministerin die Kompetenz zurückholen.

Als ersten Schritt hat der SPD-Chef angekündigt, „das Projekt Familienarbeitszeit unserer Familienministerin“ voranzutreiben. Schwesig hatte zu Beginn der großen Koalition vorgeschlagen, berufstätigen Eltern eine 32-Stunden-Woche zu ermöglichen und den Lohnausfall zum Teil aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren.

Die Idee trug ihr massive Kritik aus der Union ein – und einen Rüffel der Kanzlerin, die den Vorstoß vom Regierungssprecher als „persönlichen Debattenbeitrag“ abtun ließ. Doch jetzt macht Gabriel die Familienarbeitszeit zum Ziel der gesamten SPD. Schwesig hat damit eine Art Mandat zum Konflikt mit der Union. „Wir wollen sie so richtig starkmachen“, heißt es dazu in der SPD-Spitze.

Die Ministerin und Vize-Parteivorsitzende hat intern ohnehin an Ansehen gewonnen. Das liegt ausgerechnet an Unionsfraktionschef Volker Kauder. Als der CDU-Mann im Streit um die Frauenquote Schwesig als „weinerlich“ abkanzelte, sah er plötzlich alt aus, vor allem aber sie auf einmal frisch und modern. Merkel witterte die Gefahr sofort. Die CDU-Chefin kennt die Wahlstatistik auch, sie weiß um die Bedeutung der Frauen-Stimmen für weitere Erfolge der CDU. Merkel hat sich bei Schwesig also förmlich entschuldigt.

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