Politik : Neue Formen der Pflege – „Damit ich bestimmen kann“

Sonja Pohlmann

Berlin - Angelika Gocke muss ihr Leben in fremde Hände geben – die 52-Jährige leidet an Multipler Sklerose, kann ihre Arme und Beine kaum noch bewegen. Zehn Stunden am Tag wird sie deshalb von Pflegern betreut. Neben dem Kochen, Putzen und Waschen übernehmen die Assistenten auch ihre Körperpflege: vom Zähneputzen bis zum Po abwischen. Wer ihr dabei hilft, den will sich Gocke selbst aussuchen.

Eine neue Leistungsform macht dies jetzt möglich: Statt Sachleistungen wie Pflege durch Sozialdienste oder Betreuung durch Therapeuten bekommen die Behinderten die ihnen zustehende Summe von den Sozialämtern auf ihr eigenes Konto überwiesen. Damit kaufen sie sich dann die Hilfe ein, die sie benötigen. So organisieren die Behinderten selbst, wer als Assistent zu ihnen kommt und wie lange er bleibt. Damit sollen sie ihr Leben besser selbst organisieren können.

Trägerübergreifendes persönliches Budget wird diese neue Leistungsform genannt. Seit 2004 wird das Projekt getestet, mittlerweile bundesweit in 14 Regionen. Am erfolgreichsten läuft es in Berlin: 73 Budgetverträge wurden hier seit 2005 abgeschlossen. Beantragen kann das Geld jeder, dem die entsprechenden Sachleistungen zustehen – Körperbehinderte wie Angelika Gocke, aber auch seelisch oder geistig behinderte Menschen und deren Angehörige. Die Sätze liegen zwischen 70 Euro und 12 500 Euro monatlich – je nachdem, wie viel Betreuung notwendig ist.

Von Januar 2008 an soll ein Rechtsanspruch auf die neue Unterstützungsform in Kraft treten – langfristig auch, um Kosten zu senken, sagt Wilfried Peter, der das Projekt in Berlin leitet. „Bei uns steht allerdings der individuelle Bedarf im Vordergrund“, sagt er. „Keineswegs soll das Budget als Kürzungsinstrument missbraucht werden.“ Peter ist mit dem Projekt zufrieden. Es gebe kaum Leute, die aus dem Projekt aussteigen – der persönliche Gewinn überwiege gegenüber dem Organisationsaufwand.

Auch Angelika Gocke möchte jetzt ihren Vertrag wieder verlängern. „Ich will auf das persönliche Budget nicht mehr verzichten“, sagt sie, „alleine schon, damit ich selbst bestimmen kann, dass meine Zähne länger als eineinhalb Minuten geputzt werden.“

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