Politik : Neue Hoffnung

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Von Michael Mara, Potsdam

Katherina Reiche ist zunächst unterschätzt worden: Als die damals 23-jährige Diplom-Chemikerin 1996 der CDU beitrat, stellvertretende Landesvorsitzende der Jungen Union in Brandenburg wurde, gab es in der Partei wenig schmeichelhafte Einschätzungen: Sie galt als „Ziehkind“ ihres Lebensgefährten und Junge-Union-Chefs Sven Petke. Es hieß, sie habe „wenig politischen Tiefgang“, formuliere lediglich Worthülsen. Selbst als sie 1998 als 25-Jährige in den Bundestag einzog, sahen viele sie als „dekoratives Küken“, als „Spice-Girl“ der Union.

Inzwischen redet keiner mehr so, hat die junge Ostdeutsche doch nicht nur ihre Kritiker eines Besseren belehrt, sondern auch einen bemerkenswerten Aufstieg absolviert. An diesem Mittwoch soll sie von Edmund Stoiber als Fachfrau für ein abgespecktes Familienressort vorgestellt werden. Ihr Abitur am Gymnasium Luckenwalde liegt zwar erst zehn Jahre zurück, doch zählt die studierte Chemikerin heute zu den wenigen Hoffnungsträgern in der Union: Sie schaffte es in den CDU-Bundesvorstand, ist Beauftragte der Bundestagsfraktion für Humangenetik und für die Beziehungen zu Polen. Seit sie sich in der Gen-Debatte profiliert hat, von den Hardliner-Positionen in der CDU abwich, die den Import von Stammzellen strikt ablehnen, ist sie mehrfach als mögliche Ministerin in Brandenburg und in einer von der Union geführten Bundesregierung gehandelt worden.

Es fiel auf, dass sie sich an solchen Spekulationen nie beteiligt hat. Die 28-Jährige weiß, dass sie auf ihre Stunde warten kann, dass man sich durch zu frühe Karrieresprünge schnell verschleißen kann - wie Claudia Nolte, das einst jüngste Kabinettsmitglied unter Kanzler Helmut Kohl, die schon im Alter von 28 Jahren Ministerin wurde. Reiche schwieg auch eisern, als man sich in den letzten Tagen in der Union darüber stritt, ob die unverheiratete Mutter eines Kindes, das zweite ist unterwegs, in Stoibers Kompetenzteam für Familienpolitik zuständig sein kann: „Kein Kommentar“. Dabei ist Reiche eine durch und durch konservative Christdemokratin, skeptisch aber gegenüber Ideologien und Dogmen. Sie lässt sich nicht unter Druck setzen, schon gar nicht, wenn es um private Dinge geht. „Wir heiraten, wenn es soweit ist.“ Auch in die andauernden innerparteilichen Intrigen in Brandenburg hat sich Reiche nie eingemischt. Als manche aus der Jungen Union sie kürzlich aufforderten, für das Amt des Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl zu kandidieren, lehnte sie ab. Der Listenplatz 2 reichte ihr. Sie spiele, wird inzwischen in der märkischen Union anerkennend kommentiert, „in der Bundesliga“. Ihre Parteifreunde in Brandenburg profitieren von ihren Kontakten: Regelmäßig holt Reiche CDU-Bundespolitiker zu Debatten nach Potsdam, die sie selbst moderiert.

Auch in der SPD wird die Politikerin inzwischen ernst genommen. Auf dem SPD-Landesparteitag in Wittenberge erwähnte Manfred Stolpe sie in seiner letzten Rede als Regierungschef mit Stoiber in einem Atemzug: „Stoiber und Reiche wollen es besser machen als Gerhard Schröder und wir. Ostdeutschland darf nicht Übungsfeld werden für Leute, die uns nicht verstehen.“ Bei Reiche, die am elterlichen Betrieb in Luckenwalde beteiligt ist und die Probleme aus erster Hand kennt, dürfte er sich geirrt haben.

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