Politik : Neue Konfrontation

Türken und Kurden konkurrieren um die Vorherrschaft im Norden des Irak

Susanne Güsten[Istanbul]

Nach einer Kraftprobe mit Washington um den Einmarsch türkischer Soldaten in Nordirak hat die Türkei diese Forderung am Freitagabend zurückgestellt und ihren Luftraum für US-Flugzeuge geöffnet. Das türkische Parlament hatte den USA zwar schon am Vortag die Überflugrechte zugebilligt, doch hatte die Regierung dann noch 24 Stunden lang versucht, im Austausch grünes Licht für einen eigenen Einmarsch in Nordirak zu bekommen. Über den türkischen Einmarsch soll allerdings gesondert weiterverhandelt werden. Umstritten ist zwischen der Türkei und den USA unter anderem noch, wie viele türkische Soldaten in den Nordirak einmarschieren und wie weit sie in irakisches Gebiet vorstoßen dürfen .

Die Türken versichern, ihre Soldaten würden nur zu humanitären Zwecken über die Grenze geschickt. Die nordirakischen Kurden warnen, die Türkei wolle irakisches Gebiet annektieren und die kurdische Bevölkerung unterdrücken. Beides stimmt jedoch in dieser Form nicht. In Wahrheit geht es beiden Seiten um die Neubestimmung des Kräfteverhältnisses in der Region, deren empfindliches Gleichgewicht durch den Krieg zerstört wird. Die Türkei hat wenig Interessen an Gebietsgewinnen oder einer Unterwerfung der nordirakischen Kurden. Hätte sie solche Ambitionen, dann hätte es im letzten Golfkrieg und seither wohl bessere Gelegenheiten dafür gegeben. Statt dessen hat die Türkei zwölf Jahre lang den Schutz der Kurden vor Saddam Hussein und ihre Autonomie in der Schutzzone garantiert, indem sie ihre Luftwaffenbasis Incirlik für die alliierten Kontrollflüge zur Verfügung stellte.

Aus türkischer Sicht hätte es ewig so weitergehen können: Die nordirakischen Kurden hatten ihre Autonomie, die Türkei dafür ihre Ruhe vor etwaigen Gebietsansprüchen oder einer Aufwiegelung der eigenen Kurdenbevölkerung. Mit diesem Gleichgewicht ist es vorbei, seit die erste Bombe in Bagdad einschlug. Für die Kurden geht es jetzt um alles oder nichts: Entweder sie erhalten nach dem Krieg zumindest einen eigenen Kanton – oder sie werden wieder einer Zentralgewalt in Bagdad unterstellt. Die Türkei würde sich aber von einem eigenen, autonomen Kurdengebiet bedroht fühlen.

Die USA haben diesen Konflikt nicht nur indirekt herbeigeführt; sie haben ihn auch angeheizt. Solange die US-Regierung noch hoffte, die Türkei als Aufmarschgebiet nutzen zu können, hatte sie Ankara freie Hand in Nordirak zugesagt. Als das Parlament dann die US-Stationierung ablehnte, besann Washington sich plötzlich auf die Interessen der Kurden. Auf beiden Seiten haben die USA nun maximale Hoffnungen geweckt – die sie zwangsläufig enttäuschen müssen.

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