Politik : Neue Probleme für Erdogan Gegner solidarisieren sich mit Kurden

Istanbul - Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sieht sich mit einer immer breiteren Protestbewegung konfrontiert. Regierungsgegner solidarisierten sich am Wochenende spontan mit der kurdischen Bevölkerungsminderheit, nachdem Sicherheitskräfte am Freitag einen Kurden auf einer Demonstration in der südöstlichen Provinz Diyarbakir erschossen hatten. So wandelte sich ein Aufmarsch der Erdogan-Gegner in Istanbul am Samstag zu einem Protest gegen den Umgang des Staats mit den Kurden.

„Mordende Polizei, raus aus Kurdistan“, riefen einige der Demonstranten in Istanbul. Viele saßen auf den Straßen, die zum Taksim-Platz führten, dem Zentrum der Anti-Erdogan-Proteste seit Ende Mai. Die Polizei hinderte sie diesmal daran, auf den Platz zu gelangen. Der Kurde war erschossen worden, als er mit etwa 200 anderen Demonstranten gegen den Bau einer Polizeistation protestiert hatte. Es waren die gewaltsamsten Auseinandersetzungen, seit der inhaftierte Chef der verbotenen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, im März einseitig einen Waffenstillstand verkündet hatte.

Schon wenige Stunden vor dem Tod des Demonstranten hatte die pro-kurdische Partei für Frieden und Demokratie (BDP) für Sonntag Demonstrationen in mehreren türkischen Städten angekündigt, um Reformen für die Minderheit einzufordern. Die Organisatoren betonten, die Kundgebungen würden friedlich bleiben. Wegen der jüngsten Proteste gegen die konservative Regierung Erdogans in mehreren türkischen Großstädten geriet der Konflikt, in dem 40 000 Menschen getötet wurden, in den Hintergrund. Die PKK, die auch von der EU als Terrorgruppe eingestuft wird, hatte ihren bewaffneten Kampf 1984 begonnen. Zunächst verlangte sie einen Kurdenstaat, inzwischen geht es ihr um Autonomie. Etwa 20 Prozent der türkischen Bevölkerung sind Kurden.

Angesichts der tiefen Spaltung des Landes infolge der Proteste riefen rund 80 Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Medien Erdogan und seine Regierung zur Mäßigung des Tons auf. „Wir sind besorgt. „Die Ihr-gegen-uns-Rhetorik verschärft die Polarisierung der Gesellschaft“, schrieben sie in einer ganzseitigen Anzeige, die in mehreren Zeitungen des Landes erschien. Auch Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk beteiligte sich an dem Aufruf.rtr/AFP

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