Politik : Neue Schlappe für Premier in Schweden

André Anwar

Stockholm - Nach zahlreichen Ministerrücktritten muss nun wieder eine zentrale Figur der bürgerlichen schwedischen Regierung unter Ministerpräsidenten Fredrik Reinfeldt gehen. Ulrica Schenström, Top-Beraterin von Reinfeldt, galt bis zu ihrem Rücktritt als eine der mächtigsten Frauen im Land. Wegen Trunkenheit – und das möglicherweise im Bereitschaftsdienst – muss die Staatssekretärin nun ihren Posten räumen.

Als Kommunikationschefin hatte die 35-jährige Werbeexpertin Reinfeldt im vergangenen Jahr mit zum Wahlsieg verholfen. Im Gegenzug ernannte der Regierungschef die energische junge Frau zur Chefin seiner Staatssekretäre, trotz innerparteilichem Protest.

Der Skandal, der zum Rücktritt der Staatssekretärin führte, begann zunächst als Boulevardgeschichte. Ein Klatschblatt fotografierte Schenström in einer Bar zusammen mit Anders Pihlblad, einem bekannten Fernsehjournalisten des Privatsenders TV4. Die beiden tranken für rund 100 Euro, küssten und umarmten sich. Die Fotoserie erschien in der Zeitung „Aftonbladet“.

Anschließend kam die Frage auf, ob Schenström während ihres Trink-Exzesses Krisenbereitschaftsdienst hatte. Seit die Sozialdemokraten im Dezember 2004 nur sehr langsam auf die Tsunami-Katastrophe reagierten, gilt diese Frage in Schweden als sehr sensibel. Das schlechte Krisenmanagement führte seinerzeit zum politischen Aus der sozialdemokratischen Außenministerin Leila Freivalds und des Staatssekretärs Lars Danielsson.

Im Fall von Ulrica Schenström bekamen die oppositionellen Sozialdemokraten nun die Gelegenheit zur politischen Rache. Reinfeldt weigerte sich seit dem Vorfall zwar zu sagen, ob Schenström Bereitschaft hatte oder ob sie betrunken war. Dennoch war der politische Druck am Ende zu stark für die Staatssekretärin. Der Fernsehreporter darf dahingegen seinen Job behalten – vorerst zumindest. Denn nun will sogar die Oberstaatsanwaltschaft eine Voruntersuchung wegen „Korruptionsverdachts“ nach dem gemeinsamen Barbesuch gegen den Fernsehjournalisten und die Ex-Staatssekretärin einleiten. André Anwar

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