Politik : Neue Spekulationen um Mord an Hrant Dink

Thomas Seibert

Istanbul - Die Verschwörer hatten alles vorbereitet. Mitglieder eines türkischen Nationalistenvereins, ein Akademiker und ein rechtsgerichteter Lokalpolitiker in der zentralanatolischen Stadt Sivas hatten ihr Opfer ausgewählt und Waffen gesammelt. Ein Juwelier aus Sivas sollte sterben – weil er Armenier ist. Doch die Polizei bekam Wind von der Sache und nahm in der vergangenen Woche elf mutmaßliche Verschwörer fest.

Vor zwei Jahren waren die türkischen Behörden weniger wachsam. Am 19. Januar 2007 erschoss der damals noch minderjährige Nationalist Ogün Samast auf offener Straße in Istanbul den türkisch- armenischen Journalisten Hrant Dink, einen prominenten Verfechter für eine Aussöhnung von Türken und Armeniern. Der Prozess gegen den geständigen Sa mast und seine mutmaßlichen Komplizen läuft noch, doch fest steht bereits, dass die Polizei von den Mordplänen wusste, aber nichts tat, um Dink zu retten.

Diese Tatsache ist ein schwarzer Fleck in der jüngeren Geschichte der Türkei: Am 19. Januar 2007 wurde öffentlich, wie weit verbreitet ein militant-nationalistisches Weltbild ist, das Armenier, andere Christen, Juden sowie jede Art von Andersdenkenden als potenzielle Staatsfeinde betrachtet. Das war ein Schock für das Land. Drei Monate nach dem Mord an Dink töteten Nationalisten in der ost anatolischen Stadt Malatya drei Christen, darunter einen Deutschen.

Nach Presseberichten könnten das Verbrechen an Dink und die Christenmorde von Malatya mit der rechtsgerichteten Bande „Ergenekon“ zusammenhängen, die einen Putsch gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdogan geplant haben soll. Dasselbe gilt für den Mordplan von Sivas. Der Befehl dafür kam nach Zeitungsberichten von Ex-Polizeioffizier Ibrahim Sahin, der seit vergangener Woche als mutmaßliche Schlüsselfigur der „Ergenekon“-Bande in Untersuchungshaft sitzt.

Noch immer ist es in der Türkei sehr schwierig, für eine Verständigung zwischen Türken und Armeniern einzutreten. Führende Intellektuelle stellten zu Jahresbeginn eine Erklärung ins Internet, in der sie sich bei den Armeniern dafür entschuldigen, dass die türkischen Massaker an der Minderheit im Ersten Weltkrieg in der Türkei lange geleugnet wurden. Ein Staatsanwalt in Ankara leitete ein Ermittlungsverfahren ein wegen des Verdachts auf „Beleidigung der türkischen Nation“ – nach dem berüchtigten „Türkentum“-Paragrafen 301, unter dem auch Dink kurz vor seiner Ermordung verurteilt worden war. Thomas Seibert

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