Neue Spuren zur Jenaer Terrorzelle : Schnelle Szenenfolge

Auffällig viele Morde verübten die Rechtsextremen in Nürnberg. Die Polizei vermutet lokale Unterstützer aus dem rechten Milieu.

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Ein Tatort von vielen. Foto: ddp
Ein Tatort von vielen.Foto: ddp

Die Polizei sucht bundesweit nach möglichen Helfern der Jenaer Terrorzelle. Zu jedem Mord, zu jedem Sprengstoffanschlag und zu jedem Bankraub werde das regionale Umfeld der rechtsextremen Szene ausgeleuchtet, heißt es in Sicherheitskreisen. Denn es gilt als wenig wahrscheinlich, dass die Terroristen ihre Gewalttaten, die sie in insgesamt acht Bundesländern verübten, alle auf eigene Faust geplant und vorbereitet haben. Ein erster Hinweis eines mutmaßlichen Rechtsextremisten aus Süddeutschland, der laut Medienberichten über die Hilfe westdeutscher Neonazis für die Terrorgruppe berichtet hat, erscheint allerdings ominös. Der Mann habe erst mit Journalisten gesprochen und sich dann beim Bundeskriminalamt gemeldet, sagten Sicherheitsexperten.

Die Angaben des möglichen Zeugen werden dennoch geprüft. Die Polizei will sich nicht dem Verdacht aussetzen, eine denkbare Spur werde nicht ernst genommen. Unabhängig von dieser Geschichte ergibt sich jedoch schon beim Blick auf einige Tatorte, an denen die Terrorzelle agiert haben soll, wer als möglicher Terrorhelfer infrage kommt.

Die ersten der neun Morde an Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft, mutmaßlich verübt von der Terrorgruppe, geschahen in Nürnberg. Im September 2000 wurde in der Stadt ein türkischer Blumenhändler erschossen, im Juni 2001 dann ein auch aus der Türkei stammender Schneider. Im Juni 2005 folgte in Nürnberg der Mord an einem türkischen Dönerbudenbesitzer, in der Serie der neun Attacken war es die sechste. In keiner anderen Stadt sollen die Terroristen so oft gemordet haben. Auffällig ist auch, dass in jener Zeit in der Region eine militante Neonazi-Gruppe mit Sympathien für Terror aktiv war, die „Fränkische Aktionsfront (FAF)“.

Der Trupp, der gerne vermummt posierte und Daten politischer Gegner sammelte, solidarisierte sich im Herbst 2003 im Internet mit dem festgenommenen Rechtsterroristen Martin Wiese und seiner Gruppe. Der Münchener Neonazi und mehrere Kumpane hatten geplant, bei der Grundsteinlegung für das neue Jüdische Kulturzentrum in München am 9. November 2003 einen Sprengstoffanschlag zu verüben. Die Polizei zog die Bande noch rechtzeitig aus dem Verkehr. Und im Januar 2004 verbot der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein die mit der Wiese-Gruppe solidarische FAF. Mehrere Mitglieder der FAF blieben jedoch in der Szene aktiv.

Dass aus dem FAF-Milieu der Jenaer Terrorzelle geholfen wurde, in den Jahren 2000 bis 2005 in Nürnberg zu morden, nennen Experten „eine Arbeitstheorie“. Sie deckt womöglich auch die im August 2001 und im Juni 2005 in München verübten Morde an einem türkischen Gemüsehändler und dem griechischen Mitinhaber eines Schlüsseldienstes ab.

In Nordrhein-Westfalen gibt es offenbar eine ähnliche Konstellation. Hier soll die Jenaer Terrorgruppe drei Taten verübt haben: im Januar 2001 den Anschlag in Köln auf das Lebensmittelgeschäft eines Deutsch-Iraners, dabei wurde dessen Tochter schwer verletzt; ebenfalls in Köln, im Juni 2004, den Anschlag mit einer Nagelbombe vor einem türkischen Friseursalon, 22 Menschen erlitten Verletzungen; und in Dortmund im April 2006 den Mord an einem deutschtürkischen Kioskbesitzer. Auch weitere Gewalttaten in Nordrhein-Westfalen werden von der Polizei wieder untersucht.

Geistige Brüder, vielleicht auch mehr als das, sind die Anhänger der „Kameradschaft Aachener Land (KAL)“. Die 2001 aus dem Umfeld der NPD hervorgegangene KAL gilt als eine der aggressivsten rechtsextremen Gruppierungen bundesweit. Am 1. Mai 2010 fuhren zwei Mitglieder mit sechs Splitterbomben nach Berlin, um am Rande einer rechtsextremen Demonstration linke Gegner und Polizisten anzugreifen. Der Anschlag wurde nur knapp verhindert, die Neonazis entkamen. Im September 2010 wollten die beiden in Dortmund Sprengsätze werfen, doch die Polizei nahm die Männer vorher fest.

Die Neigung der KAL zu Militanz und Terror ist offenkundig. Davon könnte die Jenaer Terrorzelle profitiert haben.

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