Neue Strategie : Russland erwägt Rückkehr an den Hindukusch

Moskau kritisiert schwache Leistung des Westens in Afghanistan und will selbst aktiv werden. Deutsche Experten warnen vor aktivem Engagement.

Matthias Lehmphul,Elke Windisch

MoskauDie russische Regierung denkt offen über eine neue Afghanistanstrategie nach. Afghanische und russische Vertreter aus Politik und Wirtschaft trafen sich in Moskau, um über Russlands Rolle am Hindukusch zu diskutieren. Russland hielt sich bislang aus dem Krieg gegen die Taliban heraus. Nicht nur wegen der militärischen Führungsrolle der USA, sondern auch, weil die ehemalige Sowjetrepublik selbst eine leidvolle Geschichte zu verantworten hat. Fazit: Frieden und Stabilität sind in Afghanistan nicht mit Waffengewalt, sondern nur mit einer starken Zentralregierung zu haben, die von der Mehrheit unterstützt werde.

Das aber scheiterte aus russischer Sicht schon bei der Afghanistan-Konferenz 2001, nach dem scheinbaren militärischen Ende der Taliban. Deren Führer und andere Warlords, so Juri Krupnow, der Koordinator des russisch-afghanischen Forums, seien damals jedoch nicht eingeladen worden. Über 40 Prozent der Afghanen seien daher weder in der Regierung noch im Parlament vertreten.

Die internationale Gemeinschaft brauche ein stabiles Afghanistan. Chaos, Drogenschmuggel und Terror würden anderenfalls auf Zentralasien überschwappen. Angesichts der schwachen Leistung des Westens müsse Russland ein eigenes Konzept für das Krisenmanagement entwickeln. Ähnlich hatte sich zuvor schon Dmitri Rogosin, Russlands NATO-Botschafter bei Radio „Echo Moskwy“ geäußert: Ein starkes Afghanistan sei nur mit einer neuen Regierung zu haben. Moskau müsse alte Kontakte auffrischen.

Ressentiments gegenüber Moskau tendierten bei den Afghanen mittlerweile gegen null, war man sich bei der Konferenz einig. Bei Vergleichen der Besatzungsmächte kämen die Russen besser weg als die Amerikaner, die sich laufend für versehentliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung entschuldigen müssten. Auch hätten Minderheiten wie Tadschiken und Hazara, die Karsai und dessen Mehrheitsvolk der Paschtunen vorwerfen, die Macht zu monopolisieren, nicht vergessen, dass Waffen und Geld für ihren Kampf gegen die Taliban lange nur aus Moskau und Teheran kamen. Die westliche Anti-Terror-Koalition entdeckte Afghanistan erst nach dem 11. September.

Den russischen Ambitionen stehen deutsche Militärexperten mit großer Skepsis gegenüber. „Die russische Armee muss sich aus Afghanistan heraushalten“, warnt Brigadegeneral Dieter Warnecke. Warnecke kommandierte bis 2008 für ein halbes Jahr die deutschen Truppen in Nordafghanistan. Seiner Ansicht nach sind die Wunden aus dem Afghanistankrieg in den 80er Jahren noch nicht verheilt. Grundsätzlich fehle das Vertrauen in der Bevölkerung. Auch werde Karsai wahrscheinlich wiedergewählt. Derzeit sieht Warnecke keine Alternative zum pashtunischstämmigen Präsidenten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben